Rolf Lappert

Über den Winter

Roman
Cover: Über den Winter
Carl Hanser Verlag, München 2015
ISBN 9783446249059
Gebunden, 384 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Lennard Salm ist fünfzig und als Künstler weltweit durchaus erfolgreich. Als seine älteste Schwester stirbt, kehrt er zurück nach Hamburg und in die Familie, der er immer entkommen wollte. So schnell wie möglich will er wieder zurück in sein eigenes Leben. Aber was ist das, das eigene Leben? Salms jüngere Schwester Bille verliert ihren Job, sein Vater nähert sich immer schneller der Hilflosigkeit. Einen funkelnden Winter lang entdeckt Salm, dass niemand jemals alleine ist. Er lernt seine Eltern und Geschwister neu kennen. Rolf Lappert erzählt vom Wunder der kleinen Dinge und von dem, was heute Familie bedeutet.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.10.2015

Nach Meinung von Rezensent Lars Weisbrod ist Rolf Lappert gescheitert mit seiner Kritik am Prinzip Selbstverwirklichung. Dem Rezensenten scheint allzu deutlich, worauf der Autor hinauswill mit seinem Buch über einen 50-jährigen Konzeptkünstler, der zurückkehrt zu seinem pflegebedürftigen Vater und damit zu familiärer Verantwortung und Abhängigkeit. Besonders stört sich Weisbrod daran, dass Lappert ständig eine mittlere Beschreibungsebene einnehme. Dadurch fehle ihm "sowohl der Sinn für Genauigkeit als auch der für das große Ganze", der Effekt sei zunehmende Ermüdung beim Leser. Zwar würdigt der Kritiker auch das wegen seiner "soziohistorischen Vogelperspektive" für ihn schönste Kapitel des Romans - doch letztlich nur, um zu bemängeln, dass man dem Protagonisten seine innere Leere an keiner Stelle so wirklich glauben könne.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 03.10.2015

Durchaus riskant findet Rainer Moritz, was Rolf Lappert mit seinem Roman "Über den Winter" wagt: Lappert erzählt von einem krisengeschüttelten Mann, der aus seiner unterkühlten Künstlerexistenz ausbricht und - mit 49 Jahren - zu seinem Vater nach Wilhelmsburg zurückkehrt. Auch den Kontakt zum Rest der Familie nimmt er wieder auf, der es an Träumen und Sehnsüchten nie mangelte, wohl aber an geglückten Lebensläufen. Gewagt findet der Rezensent das nicht nur, weil Lappert damit den Familienroman unter quasi umgekehrten Vorzeichen erzählt, sondern auch weil er damit eine "ästhetische Provokation" verbindet: Das gemächliche Leben, in das der Protagonist zurückkehrt, begleitet Lappert mit einem ebensolchen Schreiben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 02.10.2015

Das jüngste Werk von Rolf Lappert hält Judith von Sternburg für einen "unerwartet schwachen Kandidaten" für den Deutschen Buchpreis. Die Rezensentin zeigt sich enttäuscht, der beiläufige Erzählton des Romans könne nicht transportieren, was er nach ihrer Einschätzung eigentlich transportieren soll. So "ruckele" es anstelle der von Sternburg erhofften Verschwiegenheit. Wie sich darüber hinaus der Konzeptkünstler Lennard Salm zum Familienmenschen wandelt, das hält die Kritikerin für wenig glaubhaft. Zwar seien Themen und Figuren des Buches durchaus zeittypisch - erhöhter Pflegebedarf und prekäre Lebensformen -, nur mache der Autor zu wenig daraus. Statt Überhöhung oder Brechung erwarte den Leser "ein herziges Happyend für Mittfünfziger, die als Kinder gerne geradelt sind". Judith von Sternburg hofft zwar, das sei nicht Lapperts Ernst. Allein: Sie entdeckt keine Anzeichen für Ironie.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.09.2015

Rezensentin Julia Bähr kann mit Rolf Lapperts Männlichkeitsvorstellungen nichts anfangen. Sie findet sie stereotyp. Der Künstler als einsamer Wolf, den Lappert in seinem neuen Roman zeichne, entlockt ihr höchstens ein Gähnen. Das durchaus explosive Potenzial in der um die Figur herumerzählten Familiengeschichte weiß der Autor laut Bähr nicht zu nutzen, wenngleich Lappert die ein oder andere starke Figurencharakterisierung gelingt, wie die Rezensentin einräumt. Davon abgesehen kommt die Story nicht in Schwung, meint Bähr, wirkt lieblos komponiert und lässt den Figuren keinen Entwicklungsspielraum.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.08.2015

Rezensent Burkhard Müller liest die Geschichte eines Mannes, der kein Künstler mehr sein mag, wie sie Rolf Lappert erzählt, mit Aufmerksamkeit für die Wende des Textes vom Künstler- zum Familienroman. Den lebensklugen Einsichten der Hauptfigur über Bescheidenheit kann der Rezensent beim Reifen zusehen. Das Tempo ist gemächlich, und ganz allmählich wird Müller ungeduldig. Wenn der Text die Zielgerade eines Lebens mit dem sich neigenden Jahr zur Deckung bringt und der Held vor lauter wiedergewonnenem Lebenssinn wie das Christkind strahlt, steigt Müller endgültig aus und flüchtet vor so viel "knarrender" Sentimentalität.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de