Marina Jarre

Weit entfernte Väter

Roman
Cover: Weit entfernte Väter
Carl Hanser Verlag, München 2024
ISBN 9783446281400
Gebunden, 224 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Das kleine Mädchen Marina lügt gern und mit poetischer Hingabe. Ein Akt rebellischer Selbstbehauptung gegenüber einer Welt, in der es die strengen Regeln der Mutter gibt, um deren Liebe sie ringt, aber auch den glutäugigen Vater, der erst mittags aufsteht und sich an keinerlei Regeln zu halten scheint. Einer Welt, in der sie getauft und trotzdem jüdisch sein soll - wie ihr russischer Großvater, den die Mutter verachtet. Marina Jarre erzählt von der Kindheit im multikulturellen Riga der 1930er Jahre. Vom jähen Bruch, als sie nach der Trennung der Eltern zu ihren Großeltern ins faschistische Italien kommt. Von der Aneignung einer neuen Sprache, in der sie zu ihrer Stimme und ihrer Wut findet, in der sie mit ihren Kindern spricht und sich von der Tochterrolle befreit, von der Wandlung der kleinen Lügnerin zur Schriftstellerin.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 05.11.2024

Für Rezensentin Sarah Elsing ist es ein Glück, die Bücher der in Riga geborenen, im Piemont aufgewachsenen Marina Jarre zu lesen. Jarre erzählt ihre komplexe Familiengeschichte als Schicksal des 20. Jahrhunderts zwischen Holocaust und Flucht, Entwurzelung und Fremdheit, so Elsing. Wie die Mutter der Autorin das Leben rettete, indem sie sie zur Großmutter ins Piemont gab, berichtet die Autorin laut Elsing in einer poetischen, dennoch klaren Sprache. Jarres Geschichte ist emblematisch für den Zustand des modernen Menschen, findet die Rezensentin, der Leser identifiziert sich schnell mit der Protagonistin.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 22.10.2024

Toll, dass dieses Buch Marina Jarres nun auch auf deutsch verfügbar ist, freut sich Rezensentin Sarah Elsing. Es enthält die Jugenderinnerungen der italienisch-lettischen Schriftstellerin, die durch einen reinen Zufall den Holocaust überlebte: Ihre Mutter hatte sie von ihrem - in Riga lebenden und später von den Nazis ermordeten - Vater weggelockt und zu ihrer Großmutter nach Italien verfrachtet. Jarre erzählt laut Elsing von einer traumatischen Kindheit, in Riga litt das Mädchen zwischen einer herrischen Mutter und einem wenig praktischen Vater, im italienischen Piemont ist sie mit dem Faschismus und mit Antisemitismus konfrontiert. Das besondere an diesem Buch ist, findet Elsing, Jarres Erzählweise, die assoziativ und geschickt hin und her springt und, für heutige Leser sehr anschlussfähig, Erfahrungen von Entwurzelung und existentieller Fremdheit vermittelt. Ein Glücksfall von einem Buch, so das Fazit.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.10.2024

Marina Jarre gehört zu den vielen vergessenen Autoren und (vor allem) Autorinnen des 20. Jahrhunderts. Nicht jeden dieser Verluste findet Rezensentin Susan Vahabzadeh so bedauerlich wie diesen. Ein Roman ist "Weit entfernte Väter" nicht wirklich, erklärt Vahabzadeh, eher eine "selektive Autobiografie", in der die aus Riga stammende, auf italienisch schreibende Autorin ihren Lebensweg schildert, durch mehrere Länder, Systeme und Sprachen. Sie beschreibt, wie sie die geworden ist, die sie war, ohne dabei viel von sich zu sprechen, so die Kritikerin. Viel mehr mache Jarre jene, die sie geformt haben, zu ihren Protagonistinnen und Protagonisten, der Vater, die Mutter, die Schwester. Von ihnen erzählt sie in einer schlichten, nüchternen und ungemein präzisen Sprache, die die Rezensentin gerade durch ihre Ungerührtheit bewegt, nicht selten erschüttert. Man meint aus der Kritik jedoch ein leises Bedauern zu lesen, dass Jarre sich offenbar vor allem an die unglücklichen Momente ihres Lebens erinnert.

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