Von 1925 bis zu seinem Tod 1929 arbeitete der Hamburger Kunst- und Kulturwissenschaftler Aby Warburg an seinem Mnemosyne-Atlas, jenem Tafelwerk, das in der Zwischenzeit zu einem Mythos der modernen Kunstwissenschaft und zum Basisprogramm der Bildwissenschaft avanciert ist. In ihm schuf Warburg ein visuelles Referenzsystem, das seiner Zeit weit voraus war. Roberto Ohrt und Axel Heil haben nun in Zusammenarbeit mit dem Warburg Institute den Versuch unternommen, alle Einzelbilder des Atlas ausfindig zu machen und diese Reproduktionen von Kunstwerken aus Vorderasien, der europäischen Antike und der Renaissance so zu zeigen, wie Aby Warburg sie selbst auf mit schwarzem Stoff bespannten Tafeln angebracht hat. Damit gelingt diesem Folio-Band und der Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt - was in der Forschung lange als unmöglich galt - die Wiederherstellung von Warburgs verschollenem Vermächtnis.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 27.04.2020
Für einen großen Augenöffner hält Rezensentin Silke Hennig den Kunsthistoriker Aby Warburg und diese aufwändige Rekonstruktion seines Bilderatlas für ein Glück. Sehr schön schildert sie, wie Warburg mit seinem Projekt "Mnemosyne" das europäische Bildgedächtnis rekonstruieren wollte. Auf großen Tafeln ordnete er an, wie sich etwa Gesten der Trauer oder das Verhältnis des Menschen zu kosmischen Systemen durch die Jahrhunderte bewahrten, von der Antike über das Mittelalter bis in die Renaissance. Aufnahmen dieser Tafeln waren in Schwarzweiß immer zugänglich, weiß Hennig, aber wie der Kunsthistoriker Roberto Ohrt und der Künstler Axel Heil im Archiv des Warburg Institute in London nun die Originale zusammengestellt haben und in diesem Band im XXL-Format zeigen, raubt der Rezensentin den Atem.
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