Raoul Schrott

Homers Heimat

Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe
Cover: Homers Heimat
Carl Hanser Verlag, München 2008
ISBN 9783446230231
Gebunden, 432 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Wer war Homer wirklich? Raoul Schrott ist bei der Arbeit an seiner Ilias-Übersetzung auf eine Sensation gestoßen: Der Schauplatz der Ilias ist nicht Troia, sondern Kilikien. Diese These legt er in seiner großen Studie "Homers Heimat" mit einer Fülle von Daten, Fakten, Belegen und Indizien vor - und das erste Mal seit über 2500 Jahren wird nicht nur der zeitgenössische Hintergrund der Ilias rekonstruiert, sondern auch die Person Homer und ihre Herkunft erkennbar gemacht. Schrott hat die kilikischen Hintergründe für die Götter und Heldenfiguren der Ilias erforscht; die kilikische Landschaft bereist; die Realgeschichte wiedergefunden, die Homer in den alten Troiastoff projiziert, und die historischen Vorbilder für unsterbliche Figuren wie Paris, Helena, Hektor, Achilleus und Priamos.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2008

Zu ungefähr gleichen Teilen beeindruckt und entsetzt scheint der Berliner Altphilologe Thomas Poiss von Raoul Schrotts Revisionismusversuch in Sachen "Ilias". Nur staunen kann er nämlich über den Eifer, die Begeisterung, das Engagement, mit denen sich Schrott in die existierende Fachliteratur eingelesen hat und mit denen er seine Thesen zu Kilikien als eigentlichem Handlungsort und Assyrien als geistigem Hintergrund des Epos verficht. Andererseits aber hält Poiss die Thesen in eigentlich jeder Hinsicht für mindestens hoch spekulativ, im Grunde aber für unhaltbar. Sehr großzügig habe sich Schrott - nicht immer unter adäquater Nennung seiner Quellen - bei den einschlägigen Publikationen der führenden Wissenschaftler wie Martin West oder Robert Rollinger bedient, um dann aber stets den extremsten Schluss aus ihnen zu ziehen. In vielen geografischen, philologischen, historischen Details zeichnet Poiss nach, wo und wie Schrott in seinen Behauptungen fehlgeht. "Stupend" sei Schrotts "Belesenheit", umso bedauerlicher, wie der Autor sich hier verrannt habe. In den Worten des Rezensenten: "Es ist zum Verzweifeln, mitansehen zu müssen, welche Energie hier verpufft."
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.04.2008

Mit diesem "Thesenbuch" habe Raoul Schott ein "kleines deutsches Wunder" vollbracht, freut sich Rezensent Wolfgang Büscher diebisch: nämlich ein Skandalbuch verfasst, in dem kein einziger Nazi vorkommen würde. Stattdessen würde der östereichische Schriftsteller Generationen von Altphilologen entgegenschleudern: euer Lieblingsgrieche ist gar kein Grieche gewesen und der trojanische Krieg fand ganz woanders statt. Aber weil der Rezensent nicht bloß ein Rezensent, sondern selber Schriftsteller und die Welt zu Fuß erkundender Reiseautor ist, muss er natürlich auch ein paar Kränze für den Kollegen winden, den er bei einer Lesung aus seinem Buch näher beobachtet hat. Auch informiert Büscher in seinem seitenfüllenden Text über die stürmischen Debatten, die das Buch in Fachkreisen ausgelöst hat. Um dem Buch dann schließlich zu bescheinigen, fest auf altphilologischem Terrain zu stehen, minutiös recherchiert und ein ebenso wild entschlossener wie hoch überzeugender Versuch zu sein, Homers "über aller Historizität stehenden Geist" neu zu verorten.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.03.2008

Für völlig haltlos hält Rezensent Stefan Rebenich, Professor für alte Geschichte und Rezeptionsgeschichte der Antike, Raoul Schrotts Thesen über Homes Herkunft und Identität, die in den vergangenen Wochen für Wirbel in Presse und Fachwelt gesorgt haben. In seiner umfangreichen Besprechung von Schrotts Buch "Homers Heimat" rekapituliert er zunächst die Thesen des Autors und vor allem dessen Behauptung, Homer sei assyrischer Staatsdiener gewesen. Dann greift sich Rebenich eine Reihe von Punkten in Schrotts Argumentation heraus und widerlegt sie en detail. Er verweist auch darauf, dass die Forschung seit einiger Zeit die Bedeutung der orientalischen Tradition für die griechische Kultur erkannt hat. Aber dieser Umstand spricht seines Erachtens keineswegs für Schrotts Thesen. Wissenschaftlichen Kriterien genügt das 400 Seiten umfassende Buch in seinen Augen ohnehin nicht. So hält er dem Autor etwa vor, selektiv mit der Forschungsliteratur umzugehen, verkürzende Zitate zu bringen, Spekulationen anzustellen, mit ungesicherten Hypothesen und zweifelhaften Indizien zu arbeiten. Rebenich kritisiert insbesondere die "politische Konditionierung" von Schrotts Homer, der für die "erfolgreiche Integration eines assimilierten Migranten in die Mehrheitsgesellschaft" stehe. Für ihn eine "durchsichtige Aktualisierung", die der Sache nicht dienlich ist.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.03.2008

Ins Reich der Legenden verweist Rezensent Johan Schloemann die Thesen, die Raoul Schrott in seinem Buch "Homers Heimat" aufstellt. Der Rezensent lässt eine Menge Sympathie für den österreichischen Dichter und Komparatisten erkennen, der momentan an einer neuen Gesamtübersetzung von Homers "Ilias" arbeitet und im Zuge dieser Arbeit genanntes Buch vorgelegt hat. Aber die Antworten, die Schrott auf die alten Fragen der Forschung zu Homer gibt, kann und will er nicht durchgehen lassen. Die Behauptung des Autors, den Dichter der Ilias und ihren Schauplatz identifiziert zu haben, scheint Schloemann "nicht beweisbar", ja völlig "unhaltbar", was er dem Leser dann auch en detail vor Augen führt. Zudem hebt er hervor, kein namhafter Homerforscher oder Altorientalist habe Schrotts "konkreten Behauptungen" zugestimmt. In diesem Zusammenhang staunt Schloemann über den Mut des Hanser Verlags, dieses Buch zu veröffentlichen, was er zum einen mit der Treue des Verlags zu seinem Autor zum anderen mit einer großen Ahnungslosigkeit des breiten Publikums im Blick auf das Altertum erklärt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.03.2008

Die Handlung der "Ilias" umfasst fünfzig Tage, die Diskussion um Raoul Schrotts Buch "Kampf um Troia" dauert bereits einige Tage länger, stellt Christian Thomas fest, der vor allem versucht, uns eine Orientierung darüber zu geben, welche Thesen Schrott in diesem Buch präsentiert. Wie schlüssig sie letztendlich sind, bewertet Thomas nicht, nur in einigen Fällen äußert er doch starke Vorbehalte. Worum es geht: Schrott behauptet in dem Buch, Homer habe nicht in Griechenland oder Kleinasien gelebt, sondern als Schreiber in assyrischen Diensten gestanden, und zwar in der kilikischen Festungsstadt Karatepe, im heutigen Anatolien. Und aus dieser historischen Umgebung will Schrott einiges in der "Ilias" wiedergefunden haben, berichtet Thomas: die Aufstände der Kilikier gegen die Assyrer etwa, aber auch die gängigen Waffen oder Frisuren. Als Beispiel führt Thomas auf, dass Schrott in der Episode um Achill, der den armen Hektor um Troja herumschleift, eine Parallele sehen will zu den Assyrern, die dem besiegten Festungskommandanten von Karatepe die Haut abziehen ließen. Weniger einleuchtend findet er, wenn Schrott sich Homers Faible für Waffen damit erklärt, dass er Homer zum Ersatzbefriedigung suchenden Eunuchen abstempelt. Und sehr seltsam findet Thomas, dass Schrott in der "unüberblickbaren Vielfalt" der "Ilias" das "typische Erstlingswerk eines ehrgeizigen Schriftstellers" erkennt.
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