Pierre Rosanvallon

Unsichtbare Institutionen

Cover: Unsichtbare Institutionen
Hamburger Edition, Hamburg 2025
ISBN 9783868543971
Gebunden, 296 Seiten, 35,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Ulrike Bischoff und Michael Bischoff. Nie zuvor schienen westliche Regierungen so unfähig, die Gesellschaft zu steuern und zu reformieren. Es ist von "unregierbaren Demokratien", "Misstrauensgesellschaft" und "öffentlicher Ohnmacht" die Rede, Schlagworte, die den resignierten Fatalismus nähren, in dessen Schatten der Populismus gedeiht. Um die Grundlagen für eine Erneuerung zu schaffen, konzentriert sich der Demokratietheoretiker Pierre Rosanvallon auf die Konzepte Vertrauen, Autorität und Legitimität. Diese Konzepte, die auf das Innere der Gesellschaft verweisen, bezeichnet er als unsichtbare Institutionen. Es sind Institutionen, weil sie zur Integration, Kooperation und strukturellen Regulierung von Gesellschaften beitragen. Sie sind unsichtbar, weil sie weder durch Regeln definiert noch mit Möglichkeiten zu ihrer Durchsetzung ausgestattet sind. Sie werden vielmehr durch die Beziehungen zwischen Individuen oder zwischen Individuen und Organisationen konstituiert. Eine konstruktive Demokratie hängt vom inneren Zusammenhalt einer Gesellschaft ab, die sich als beständig und stabil erweisen muss. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.09.2025

Rezensent Claus Leggewie liest Pierre Rosanvallons neues Buch mit großem Interesse. Im Zentrum stehen die titelgebenden unsichtbaren Institutionen: Vertrauen, Autorität, Legitimität. Klassische Organisationssoziologie steht also nicht auf dem Programm, hier wird statt Gehlen lieber Bergson zitiert, informiert uns der Rezensent. Rosanvallon interessiert sich für informelle Voraussetzungen, die sozialem Handeln zugrunde liegen, ohne dass eine konkrete Ursache angegeben werden kann. Drei große Argumentationsstränge gibt es im Buch laut Leggewie, der erste ist ideenhistorisch angelegt und führt von der römischen Republik bis in die Moderne, der zweite interessiert sich für die Grundelemente der in dieser Zeit entstehenden unsichtbaren Institutionen wie etwa Normen, Geld und Common Sense, der dritte zeichnet den Verfall dieser Tradition in der Gegenwart nach: Vertrauen verkümmert zu Versicherung, Autorität zu Souveränität, Legitimität zu Legalität. Leggewie weist darauf hin, dass in der bisherigen Rezeption des Buches dem Autor vorgeworfen wird, zu wenig Lösungsvorschläge für das ausgebreitete Problem anzubieten. Der Rezensent ist sich da nicht so sicher, die eher kleinteiligen Angebote, die Rosanvallon unterbreitet, wie etwa die Stärkung des kollektiven Gedächtnisses oder des Gemeineigentums, zielen für ihn durchaus in die richtige Richtung. Dennoch macht er sich im Folgenden Gedanken zu Theoriealternativen wie etwa dem etwas griffigeren Gesellschaftsvertrag. Einer abschließenden Wertung enthält sich Leggewie, insgesamt scheint ihm die Lektüre aber doch einige neue Erkenntnisse beschert zu haben.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 18.08.2025

Einiges anfangen kann Rezensent Martin Tschechne mit diesem Buch. Der Historiker Pierre Rosanvallon stellt darin, erfahren wir, die These auf, dass nicht nur Behörden, die Kirche und Ähnliches in einer Demokratie als Institutionen anzusehen sind, sondern auch drei primär ideelle Werte: Vertrauen, Autorität und Legitimität. Eben diese sind die unsichtbaren Institutionen des Titels, und sie könnten einspringen, wenn die auf Prozessoptimierung geeichten übrigen Institutionen immer mehr an Rückhalt in der Bevölkerung verlieren. Der Autor belegt seine These laut Tschechne mithilfe ausführlicher historischer Studien, die zurück bis ins Römerreich führen, sowie mit Zitaten von Rousseau bis Arendt. Von tagespolitischen Fragen lässt er hingegen die Finger, was Tschechne gefällt, da so jeder selbst entsprechende Schlüsse ziehen kann mit Blick auf diverse Querelen der Gegenwart, von Corona bis bröckelnden Brandmauern. Die Rezension hält sich insgesamt mit klaren Wertungen zurück, dass Tschechne mit Rosanvallons Ausführungen insgesamt sympathisiert, wird aber deutlich.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.07.2025

Einiges Wertvolles nimmt Rezensent Alexander Wehde von der Lektüre dieses Buches mit. Der Historiker Pierre Rosanvallon schreibt hier über die aktuelle Krise der Demokratie aus einer ungewöhnlichen Perspektive: Es geht weniger um eine Gegenwartsdiagnose des populistischen Zeitgeists, als um die Schwächung dreier Grundprinzipien, die die Demokratie und deren institutionelle Ordnung stützen. Damit ist, fasst Wehde zusammen, erstens Vertrauen gemeint, als ein Mechanismus der Komplexitätsreduktion, der nicht auf formale, etwa juristische Verfahren setzt. Zweitens verteidigt Rosanvallon, im Anschluss etwa an Gramsci, Autorität nicht im Sinne von gewaltförmiger Herrschaft, sondern als Symbolisierung der Gemeinschaft im Einzelnen. Drittens schließlich, heißt es weiter, wendet sich Rosanvallon der Legitimität zu, ohne die normative Ordnungen selbst da, wo sie demokratisch durch Wahlen gestützt sind, ihre innere Substanz verlieren. Was folgt aus all dem? Rosanvallon plädiert zwar für eine Stärkung von Verfassungsgerichten, unterbreitet ansonsten aber kaum konkrete Lösungsvorschläge. Vielleicht ist das genau richtig so, mutmaßt der dem Buch wohlgesonnene Rezensent, schließlich würde ein detaillierter, dann doch wieder formalisierter Maßnahmenkatalog dazu führen, dass die substantielle Aushöhlung der Demokratie ein weiteres Mal aus dem Blick gerät.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 28.06.2025

Rezensent Jens Balzer findet Pierre Rosanvallons Buch eigentlich sehr überzeugend - bis es sich zum Schluss selbst im Weg steht. Ausgehend von der Frage, worin denn genau der gesellschaftliche Zusammenhalt besteht, dessen Untergang derzeit beklagt wird, stellt der französische Historiker hier drei sogenannte "unsichtbare Institutionen" vor, also solche, die nicht im politischen und juristischen Rahmen aufgehen: beleuchtet werden die Bereiche 'Vertrauen' als Zeit-schaffendes und zukunftsgerichtetes Element, 'Autorität' als eine Verankerung in der Vergangenheit und 'Legitimität' als eine regelmäßig erneuerte Übereinstimmung mit dem politischen System. Alle drei Bereiche seien auf dem absteigenden Ast, was der Autor mit Blick auf die Entwicklung seit der Römischen Republik historisch fundiert herausarbeite - aber gerade deshalb funktioniere sein Schlussteil mit Verbesserungsvorschlägen (Kontrollgremien, Berücksichtigung von Minderheiten…) so schlecht, meint Balzer: sie wirken im Kontrast leider "bloß kläglich", wie "kosmetische Korrekturen", schließt er.

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