Gegen Ende des 19. Jahrhunderts stand die politische Elite des jungen Schweizer Bundesstaats vor der Frage, wie sich aus der konfessionell und politisch gespaltenen Bevölkerung ein Volk formen ließ analog der Entwicklung in den Nachbarstaaten. Wilhelm Oechsli, Johannes Dierauer und Karl Dändliker leisteten dazu einen eminent wichtigen Beitrag, indem sie (in Ergänzung zueinander) der fragmentierten Nation eine national zentrierte, identitätsstiftende Schweizergeschichte schufen. Sie versöhnten kritische Wissenschaft mit populärer Sage. Mit der vorliegenden Dissertation wird die historiographische Leistung der drei einflussreichsten Geschichtsforscher um 1900 auf ihre Funktionsweise hin untersucht.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 06.12.2003
Rezensent Thomas Maissen findet Sascha Buchbinders Buch über die Begründer der modernen schweizerischen Nationalgeschichtsschreibung recht anregend, auch wenn er im Detail einige Einwände hat. Wie er darlegt, untersucht Buchbinder die Werke der Historiker Wilhelm Oechsli, Johannes Dierauer und Karl Dändliker mittels des Konzepts der "imaginären" oder "halluzinierten Geschichte". Buchbinder halte ihnen vor, historische Bruchstücke nicht auf ihren Kontext bezogen, sondern unter Verkennung der zeitlichen Distanz als "wahre" Bilder von einst in die Gegenwart geholt und zu einem nationalgeschichtlichen "Film" gemacht zu haben. Zwar hält Maissen fest, dass Buchbinder keine "denunziatorische Entlarvung" der drei Historiker bezwecke in dem Sinn, dass sie sich bewusst als nationalstaatliche Ideologen hätten einspannen lassen. Doch er kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie gelegentlich dem "theoretischen Ballast" Buchbinders zum Opfer fallen; etwa wenn dieser etwa bei Oechsli "protoreligiöse Geschichtsschreibung", "Nationalgeschichte als profane Religion" und "historische Bücher als Bibel-Surrogate" ausmache.
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