Als zerrissener Denker und gewissenlos Liebender ist Goethes Faust ein Begriff. Doch nur wenigen ist bewußt, welche vielfältigen Rollen der Gelehrte im zweiten Teil der Tragödie ausprobiert. In seiner Karriere vom Poeten über den Staatsmann und Feldherrn bis hin zum kapitalistischen Großunternehmer durchschreiten Faust und sein Alter ego Mephisto die große Welt, verschiedenste geschichtliche Räume und Zeiten - am Ende macht sich Faust die Machtmittel der technischen Moderne zu eigen und geht in seiner Gewinnsucht über Leichen. Mit geschärftem Blick für die Verstrickungen, in die ein "strebender" Mensch als politischer Akteur gerät, liest Oskar Negt Goethes "Faust" als ein brisantes und hochaktuelles Werk der politischen Philosophie.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 22.12.2006
Bemerkenswert scheint Rezensent Burkhard Müller diese aktualisierende Neudeutung von Goethes Faust, die der Soziologe Oskar Negt vorgelegt hat. Er unterstreicht, dass es dem Autor nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, um eine ideologische Entlarvung des Texts in linker Tradition geht, sondern um seine Weiterführung. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen sieht Müller den zweiten Teil der Tragödie, in dem Faust verschiedenen Berufen als Gelehrter, Feldherr, Bankier, Griechenlandsucher und Bauunternehmer nachgeht. Negt vergleiche diese Reihe von Berufen mit einer Serie von Umschulungsmaßnahmen und interpretiere Faust im Anschluss als "hellsichtig frühe, vollgültige Ausprägung des 'homo oeconomicus?". Bisweilen scheinen Müller die Darlegungen Negts zu weit hergeholt. Dennoch hat er das an Gedanken und Einsichten überaus reiche Werk mit Gewinn gelesen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2006
Faust als kapitalistischer Verbrecher, Faust als KZ-Kommandant. Für Hans-Jürgen Schings ist das ein bisschen zu viel der fixen Ideen und zu wenig kritische Selbstbeherrschung. Dass Oskar Negt mit diesem "Faust"-Buch sein ganz persönliches Recht auf Goethe wahrnimmt - geschenkt. Was Schings dem Autor nicht so ohne weiteres durchgehen lassen möchte, ist dessen schroffe Gleichgültigkeit der restlichen "Faust"-Exegetik gegenüber. Müller nämlich kennt sehr wohl ein paar Arbeiten, die Negt mit Gewinn hätte lesen können. Richtig unverständlich wird es für den Rezensenten dann bei Negts Weigerung, den eigenen Text in der marxistischen "Faust"-Deutung zu verorten. Die Auseinandersetzung mit Georg Lukacs oder Gerhard Scholz wären für Müller das Salz in der Suppe gewesen, weil Negt, anders als jene, Metaphysik und Utopie achtlos beiseite räumt. So jedoch, schließt Müller etwas traurig, verharrt der Text im Bereich "sozial-philosophischer Rhetorik".
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