In seinem Essay uber die Aktualität Goethes nimmt Michael Jaeger den Untertitel des Goetheschen Textes beim Wort und liest Fausts Drama als "Tragödie", als Katastrophe der modernen Zivilisation. Denn was Faust imaginierte, das Bild einer Gesellschaft, in der es keinen Augenblick der Ruhe mehr gibt, scheint heute beklemmende Realität zu sein. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts blicken wir auf die ungeheure Erfolgsgeschichte der faustischen Negation des Verweilens und auf den Triumph des modernen Mobilitätsideals. In dieser von global gultigen, nahezu unentrinnbaren Bewegungsrhythmen bestimmten Welt mit immer schnelleren Bild-, Daten-, Finanz-, Konsum- und Verkehrsbewegungen stellt sich die Frage: Was um Himmels willen ist eigentlich so schlimm am Verweilen? Warum muss alles Daseiende permanent entwertet, jeder Ruhebezirk im Sinne des modernen Bewegungsgesetzes kolonisiert werden?
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 16.08.2008
Rezensent Gustav Seibt hat Michael Jaegers Essay über Goethes Faust positiv aufgenommen. Er hebt allerdings hervor, dass es sich dabei um eine Kurzversion von Jaegers wesentlich umfangreichere Habilitationsschrift "Fausts Kolonie" handelt, die eine beeindruckende Interpretation des Faust-Dramas als einer Diagnose der modernen Welt bietet. Seibt lässt keinen Zweifel daran, dass er die lange Version vorzieht, lobt er sie doch in den höchsten Tönen als exzellente pessimistische Deutung des Faust. Jaeger lese dort nicht nur den "Faust"-Text Szene für Szene, sondern ordne die symbolisch und allegorisch geleistete Diagnose der Moderne auch ins gesamte Goethesche Alterswerk ein. Bei der vorliegenden Kurzversion sieht Seibt den aktuellen Bezug von Jaegers Deutung noch stärker hervorgehoben: Faust als globalisierter Weltwirtschaftsbürger mit grenzenlosen Gewinnstreben, Furcht vor Andacht und Widerwillen gegen die Natur.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.06.2008
Richtig aufregend findet Thomas Anz diese Lektüre. Wie sollte er auch nicht, schließlich geht es darum, Goethes "Faust" einer Revision zu unterziehen und das in einem pointiert und in blitzendem Stil verfassten Essay. Aufmerksam folgt Anz Michael Jaegers Auslegung und stellt mit dem Autor und in Erinnerung an die Moderne- und Postmoderne-Debatten der 80er und Jochen Schmidts "Faust"-Lehrbuch fest: Faust ist ein wahrhaft Unglücklicher, Inkarnation sämtlicher negativen Momente der Moderne und Goethes Anliegen eine Abrechnung mit derselben. So weit, so toll. Doch dann sieht sich der Rezensent mit Widersprüchen konfrontiert, die ihn an die Problematik antimoderner Kulturkritik gemahnen und an die Vielschichtigkeit von Goethes Begriff der Moderne. Ein "Plädoyer für Entschleunigung", findet er, hat darin Platz, aber auch eine Sympathie fürs Pathologische. Auf einmal erscheint Anz des Autors Blick auf den "Faust" nicht mehr ganz so lupenrein, subjektiv kulturkritisch verzerrt in etwa. Doch darüber, so schließt der Rezensent versöhnlich, lässt sich trefflich streiten.
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