Oscar A. H. Schmitz

Ein Dandy auf Reisen

Tagebücher Band 2: 1907-1912
Cover: Ein Dandy auf Reisen
Aufbau Verlag, Berlin 2007
ISBN 9783351030988
Gebunden, 571 Seiten, 58,00 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Wolfgang Martynkewicz. Ein melancholischer Lebemann, ein verzweifelter Glücksjäger, ein einsamer Erotomane - so erscheint Oscar A. H. Schmitz in seinen Aufzeichnungen. Der zweite Band der Tagebuch-Edition verbindet die Bekenntnisse eines Verführers mit Reise-Impressionen. Januar 1907: Das Pariser Abenteuer liegt hinter ihm, genauso wie zwei gescheiterte Ehen. Die Münchner Boheme stößt ihn ab. In Wien begegnet Schmitz Peter Altenberg, Alfred Polgar, Hugo von Hofmannsthal, er verbringt die Abende mit Stefan Zweig und hat einen Termin bei Sigmund Freud. Doch den Lebemann treibt die Sucht nach einem rauschhaften Leben fort. Immer exotischer werden die Reiseziele: Spanien, Algerien, Marokko, die Kanarischen Inseln, eine Fahrt auf dem Nil, Jerusalem, Jericho, Haifa und Damaskus. Die Impressionen sind durchsetzt von sexuellen Obsessionen. Endlich scheint er die große Liebe zu finden. Doch schon bald ist der rastlose Don Juan wieder allein. Er begibt sich auf die gefährlichste Reise - die zum eigenen Ich. Und das liegt im Land der Dämonen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.04.2008

Jens Malte Fischer feiert die zwischen 1896 und 1918 geführten Tagebücher Oscar H. Schmitz', die der Herausgeber Wolfgang Martynkewicz im Marbacher Archiv entdeckt hat, als Fund, zeigt sich dann aber von ihrem Inhalt mehr als nur ein bisschen enttäuscht. Schmitz galt seinen Zeitgenossen als sympathischer und verdienstvoller Reise-, Feuilleton- und Romanschriftsteller, der die Münchner Bohemeszene um 1900 belebte, teilt der Rezensent mit. Eine lebendige, facettenreiche Schilderung berühmter Zeitgenossen und interessanter Orte sucht man in den drei Bänden überwiegend vergebens, stattdessen ergeht sich der Autor besonders im ersten Band in der Schilderung erotischer Abenteuer, stellt Fischer unangenehm berührt fest. Er nimmt dabei deutlich misogyne und auch antisemitische Affekte wahr und vermisst schmerzlich tiefergehende Betrachtungen zu musikalischen und künstlerischen Erlebnissen oder erhellende Beobachtungen über Land und Leute auf seinen zahlreichen Reisen. Nur der dritte Band enthalte auch mal eine "schonungslose Selbstkritik", was in den beiden anderen Bänden fast völlig fehle, allerdings seien hier die persönlichen Erlebnisse derart verschlüsselt dargestellt, dass sie sich auch mit dem durchaus nützlichen Kommentar des Herausgebers nicht gänzlich aufklären ließen, so der Rezensent unzufrieden, der dem Romancier Schmitz gegenüber dem Tagebuchschreiber eindeutig den Vorzug gibt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.07.2007

Kein bisschen, wirklich nicht das geringste bisschen Sympathie hat der Rezensent Bernd Eilert nach Lektüre dieses Tagebuchbandes mit dessen Verfasser, dem Jahrhundertwende-Vielschreiber und selbsterklärten Dandy Oscar A.H. Schmitz. Zum Dandy-Sein - jedenfalls im guten Sinne - fehlen ihm, klagt Eilert, Statur und Selbstironie. Über die prominenten Zeitgenossen, mit denen er verkehrt, hat er nichts Interessantes zu berichten. Überhaupt erschöpfen sich seine Notate im literarisch Belanglosen und intellektuell im oberflächlichen Klischee. Da hilft es leider gar nicht, bedauert Eilert, dass Schmitz viel rumkommt in der Welt, denn klüger wird er ganz offenkundig nicht daraus. Nur ein Beispiel-Eintrag, den der Rezensent zitiert, von einer Reise nach Sarajewo: "Große Moschee und der unbeschreiblich bunte Bazar." Von diesem Kaliber sind die Notate wohl fast durchweg. Bewundernswert an dem Band scheint Eilert einzig die Mühe, die sich der Herausgeber Wolfgang Martynkewicz gegeben hat - leider am falschen Objekt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 31.03.2007

Als glänzendes und schillerndes Exemplar einer literarischen Nebengattung, die dennoch mitten ins Zentrum zielt, wertet Rezensent Hansjörg Graf dieses "Diarium eines Großbürgersohns". Zwar muss man annehmen, dass die Grenzen des Zumutbaren beim Rezensenten mitunter doch ziemlich strapaziert werden, gerade was die Schilderung dieses Dandys im Umgang mit Frauen und Abenteuern betrifft. Dennoch hat er für diese Aufzeichnungen von Oscar A. H. Schmitz fast nur Lob übrig. Deren Faszinationskraft besteht für den Rezensenten besonders in den intimen Einblicken, die dieser Autor in die "Treibhäuser der Bourgeoisie" seiner Zeit gewährt, und damit auch in die Pathologie des Sexuallebens im Fin de Siecle. Manchmal sieht er die Aufzeichnungen zwar zur Klatschspalte einer Boulevardzeitung mutieren, insgesamt aber ist er höchst angetan.
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