David Wagner

Der vergessliche Riese

Roman
Cover: Der vergessliche Riese
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2019
ISBN 9783498073855
Gebunden, 272 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Eine Familie erlebt einen Rollentausch: Der Vater, zweifach verwitwet, ist wieder Kind geworden. Er braucht Betreuung und wird sein Haus verlassen müssen, denn er vergisst, was gerade eben noch gewesen ist. Immer wieder erzählt er seine Liebesgeschichten, und manchmal phantasiert er. David Wagner zeigt einen Menschen, der - obwohl er nur noch in der Gegenwart lebt und allmählich verschwindet - unverwechselbar bleibt mit all seinen liebenswerten Eigenheiten und den Erinnerungen, die er noch hat.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 17.09.2019

Rezensent Wolfgang Schneider schätzt an David Wagners Behandlung des Themas Demenz den Verzicht auf "Frustemotionen" sowohl bei dem kranken Vater als auch bei dem ihn umsorgenden Sohn im Buch. Neu im Vergleich zu anderen Erfahrungsberichten zum Thema scheint ihm auch, dass Wagner den Erkrankten nicht als Objekt behandelt, sondern als Subjekt in Dialogen sprechen lässt. Dass Gespräche und gemeinsame Erinnerungsreisen die Handlung bestimmen, keine langwierigen Erklärungen, gefällt Schneider. Wagners Humor und sein gelassenes Sicheinlassen auf das "mythische Ritual" der Wiederholungen findet Schneider bemerkenswert. So entsteht das Panorama einer Großfamilie über drei Generationen und eine Hommage an den alten Herrn, der vieles verliert, doch nicht seinen Charme, so Schneider.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.09.2019

Rezensentin Sandra Kegel scheint gerührt angesichts von David Wagners Erzählung über die Demenz-Erkrankung seines Vaters. In konsequenter Vater-Sohn-Perspektive berichtet der Autor laut Kegel ohne Fiktionalisierung von der Entwicklung der Erkrankung, von kuriosen Erlebnissen und der Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte als Teil der bundesrepublikanischen Geschichte. Kegel schätzt die große Unmittelbarkeit durch Dialoge, das Fehlen von Thesen zur Krankheit und die Lakonie, Zurückhaltung und leise Komik des Erzählers beim Schildern der durch die Demenz ausgelösten Irritationen. Das Motiv der vergehenden Zeit scheint ihr zentral zu sein in dieser Studie über das Erinnern und das Vergessen.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 31.08.2019

Rezensent Helmut Böttiger hat dieser Roman über einen Demenzkranken sehr berührt, gerade, weil er die Gefühle des erzählenden Sohnes weitestgehend ausspart. David Wagner gibt die Krankheit dem Kritiker zufolge fast ausschließlich über gut komponierte Dialoge zwischen Vater und Sohn wieder, die sich über mehrere Jahre hinweg erstrecken und den zunehmenden geistigen Verfall des Vaters sichtbar werden lassen. Leitmotivisch wiederholen sich bestimmte Sätze und die Erinnerungen und Äußerungen des Vaters lassen die Geschichte der BRD gerade darum auferstehen, weil sie nicht systematisch eingeordnet werden, lobt Böttiger. Trotz des Themas der tragischen Krankheit erscheint das Buch dem Rezensenten am Ende fast versöhnlich, weil deutlich wird, dass die Familie es insgesamt eigentlich gut getroffen hat.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 31.08.2019

Rezensent Tomasz Kurianowicz hat dieses Buch über einen demenzkranken Vater als äußerst sensibel empfunden: Das Besondere seien die Gefühle, die es beim Lesen auslöse. Anfangs sei man von dem Mann, der fast ausschließlich in Dialogen präsentiert werde, zugegebenermaßen genervt, seine ständigen Wiederholungen und immer selben Fragen kosten Energie. Aber etwa ab der Hälfte des Buches habe man die Biografie des Vaters so gut erschlossen, dass man die bruchstückhaften Zeugnisse seiner Erinnerungen besser verstehen könne, und begegne ihm fast ebenso zugewandt, wie es der meist geduldige Sohn tue. Dass nicht nur die schlechten, sondern auch die guten Seiten der Demenz hervortreten, dass beispielsweise traumatische Erlebnisse vergessen werden, macht den Roman in den Augen des Rezensenten zu einem würdigen Beitrag zum Genre der Demenzliteratur, wie es etwa Arno Geiger berührend geprägt hat, schließt der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.08.2019

Harry Nutt scheint gerührt von David Wagners Familienroman und Vaterbuch. Wie der Autor sich der Demenz des Vaters und den Konsequenzen nähert, behutsam, undramatisch, dialogisch, genau, mit Sinn für das Kuriose am Erlöschen eines Geistes, findet Nutt aber auch lehrreich, ohne dass der Autor auf Ratgeber macht. Das schlechte Gewissen und die Hilflosigkeit der Kinder kommen laut Nutt gut rüber, ebenso der Charakter des Vaters und die Würde eines Menschen, der sich aus dem Leben verabschiedet.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 20.08.2019

Eva Behrendt bewundert David Wagners Fähigkeit, das scheinbar Beiläufige raffiniert zu komponieren. Wenn Wagner von den Treffen mit seinem dementen Vater berichtet, vom Abschiednehmen und Erinnern an die eigene Kindheit bei gemeinsamen Restaurantbesuchen, Autobahnfahrten und Aufsuchen von Erinnerungsorten im Rheinland, ist Behrendt ganz berauscht von der Unterhaltsamkeit und Komik der scheinbar dahinplätschernden Dialoge. Die Schärfe der Beobachtung und das Aufgehobensein deutscher Geschichte in diesen Konversationen entgeht der Rezensentin aber nicht. Eine intime Spurensuche und "schmerzlich-schöne" Erkundung eines Vater-Sohn-Verhältnisses und ein Heimatroman in einem, meint sie.