Nicole Krauss

Waldes Dunkel

Roman
Cover: Waldes Dunkel
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018
ISBN 9783498035761
Gebunden, 384 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Grete Osterwald. Ein vom Leben enttäuschter reicher New Yorker Anwalt und eine Schriftstellerin mit Eheproblemen machen sich auf die Suche nach dem Unbekannten in sich selbst und finden in der Wüste Israels überraschende Wege, über sich, ihre Träume und die Welt hinaus ins Unendliche zu schauen. Jules Epstein, 68, einst Beweger und politischer Macher mit übergroßem Ego, gerät nach der Scheidung von seiner langjährigen Frau aus dem Tritt. Zum Schrecken seiner Kinder verschenkt er den größten Teil seines Vermögens und möchte den Rest in eine Stiftung zum Gedenken an seine verstorbenen Eltern stecken. Am liebsten würde er den seit 2000 Jahren abgeholzten Mount Hebron in Israel aufforsten lassen. Schon im Flieger allerdings lernt er einen Rabbiner kennen, der ein Treffen sämtlicher lebender Abkömmlinge von König David plant und darauf besteht, Epstein gehöre zu dieser traditionsreichen dynastischen Linie. Epstein versucht, den versponnenen Rabbi loszuwerden, aber dann trifft er auf dessen verführerische Tochter, die in der Wüste Negev einen Film dreht.
Die junge Autorin Nicole aus Brooklyn lässt nach einer Epiphanie in der Küche, bei der sie sich nur noch als nutzloses Staubkorn im Multiversum sieht, ihre Familie zurück und flieht ins Hilton von Tel Aviv, wo sie seit ihrer Geburt jedes Jahr gewesen ist. Ein Ort der Ruhe, hofft sie, an dem sie sich wiederfinden kann. Doch ein emeritierter Literaturprofessor mit dubioser Mossad-Vergangenheit lauert ihr ständig auf und bedrängt sie, ein unvollendetes Drama fertigzuschreiben, das angeblich von Kafka stammt. Und während aus den Palästinensergebieten Raketen über den nächtlichen Himmel ziehen, landet Nicole, irregeleitet vom sinistren Professor, allein in einer Hütte in der Wüste Negev. Auf dem Schreibtisch nur zwei Dinge: eine alte Schreibmaschine und ein Bildband, betitelt "Die Wälder Israels". Nicole Krauss webt ein traumhaft metaphorisches Gespinst von einem Roman, frei nach Dante: "Ich fand auf unseres Lebensweges Mitte in eines Waldes Dunkel mich verschlagen, weil sich vom rechten Pfad verirrt die Schritte."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.03.2018

Merkwürdig dunkel bleibt Rezensent Tilman Spreckelsen in seiner Besprechung von Nicole Krauss' Roman. Es geht um die Ungleichzeitigkeit von Welt und Erleben in zwei sich kapitelweise abwechselnden und in Motiven ständig spiegelnden Geschichten, erklärt der Rezensent. Während die eine sich um einen New Yorker Anwalt dreht, der spurlos in der Wüste verschwindet, handelt die andere von der Ich-Erzählerin und ihrer dysfunktionalen Ehe. Eher dunkel erscheint Spreckelsen das Romangeschehen selbst, vor das die Autorin Filter um Filter lege, wie er schreibt. Eindrucksvollen Bildern zum Trotz hat er das Gefühl, dass die Sinnsuche der Figuren jegliches Geschehen der Außenwelt ausschließt.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.03.2018

Ambitionen erkennt Rezensent Burkhard Müller Nicole Krauss durchaus zu, nachdem er ihren Roman "Waldes Dunkel" gelesen hat. Hier soll die Ich-Erzählerin, die mit der Autorin den Namen und den Beruf teilt, gezwungen werden, ein unvollendetes Drama Kafkas zu Ende zu schreiben, damit es verfilmt werden kann. Das Manuskript kommt aus Kafkas Nachlass, dem real existierenden Koffer, um den noch heute prozessiert wird. Bis dahin ganz hübsch, urteilt der Rezensent, vor allem, da man sich als Leser nie sicher sein könne, wo die Fakten aufhörten und die Fiktion beginne. Allerdings bedauert Müller, dass die Autorin ihn auch sprachlich in "Waldes Dunkel" tappen lässt, weil der Mystizismus der Ich-Erzählerin jede dingliche Beschreibung im Vagen lasse. Vor dem Auge Müllers entstehen bei der Lektüre keine Bilder. Und auch der zweite Erzählstrang über einen Egomanen auf Selbstfindung erscheint ihm missglückt. Denn auch diesen angeblich so charismatischen Übermenschen findet Müller viel zu blass gezeichnet - wie eigentlich den ganzen Roman.