Theodoros
Roman

Paul Zsolnay Verlag, Wien 2024
ISBN
9783552075092
Gebunden, 672 Seiten, 38,00
EUR
Klappentext
Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Den Pistolenlauf noch im Mund, das Hirn verstreut auf dem roten Tisch." Ehe die britische Kolonialarmee die Bergfestung Magdala in Schutt und Asche legt und ihn als Geisel nimmt, setzt der äthiopische Kaiser am Ostersonntag des Jahres 1868 seinem Leben ein Ende. Nicht als gekrönter Despot, nicht als plündernder Seeräuber, sondern als Bojarendiener aus der Walachei, heißt es in Mircea Cărtărescus neuem Roman.
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Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 25.10.2024
Rezensent Cornelius Wüllenkemper betritt mit Mircea Cartarescus "Theodorus" einen mehrdimensionalen "literarischen Irrgarten". Im Zentrum steht der äthiopische Kaiser Theodorus mit all seinen Erfahrungen und Fantasien. Oder ist es doch wieder Cartarescu selbst und der Irrgarten ein Sinnbild für die Welt des Autors, die vor allem Vorstellung ist, in der sich Traum, Wirklichkeit und Fantasie auf eine unübersichtliche Weise miteinander verbinden, fragt sich der Kritiker. Überblick über diesen Irrgarten haben im Roman jedenfalls nur die allwissenden sieben Erzengel: Sie sehen die Zusammenhänge all der Geschehnisse, der wahren und der erträumten, für sie steht alles still, während die Figuren und Leser sich im Labyrinth immer wieder verlieren. Diese Erfahrung des Sich-Verlierens in all den Abschweifungen und Ausschreitungen des Autors kann eine genussvolle sein, wenn man sich der beeindruckenden Sprachgewalt, dem geballten Wissen dieses Autors, der schier unendlichen Vorstellungskraft hingibt. Und obwohl Wüllenkemper durchaus genießt, bleibt er doch auf Distanz zu diesem wuchtigen Buch, eine Distanz, die nicht nur Reflex ist. So faszinierend, so kunstvoll dieses solipsistische Kreisen eines Autors um sich selbst ist - es stellt sich doch die Frage des Warum, meint der Kritiker. Schön, aber "unzeitgemäß", so könnte man das Urteil Wüllenkempers resümieren.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 12.10.2024
Rezensent Richard Kämmerlings liest mit "Theodorus" natürlich keine historische Biografie des Kaisers Theodorus - Mircea Cartarescu ist weder Biograf, noch realistischer Erzähler - sondern eher eine "biografische Fantasie", ein literarisches Patchwork aus tatsächlich historischen Fakten, aus Mythen und absurden Theorien, aus Märchen und Herrscherlegenden und dem Gesang allwissender Engel. Die Einzelteile dieses Flickwerks sind durchaus faszinierend, schillernd, und zeugen von Cartarescus großer Erzählkunst, doch in ihrer Gesamtheit ergeben sie leider kein kohärentes Bild, so der Rezensent. So scheint die Psychologisierung des Protagonisten Theodorus ein wenig lasch, der MacGuffin der Geschichte - die verlorene Bundeslade - funktioniert als solcher auch nicht wirklich, und warum die allwissenden Engel immer wieder in den Lauf der Geschichte eingreifen, obwohl sie wissen, welche Folgen ihre Eingriffe haben, erschließt sich dem Rezensenten nicht. Diese alte Theodizee-Frage zu beantworten, überlässt Cartarescu, genau wie das Urteil über seinen Roman, dem etwas ratlosen und unbefriedigten Leser, schließt Kämmerlings.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 10.10.2024
Diesen Roman, eigentlich sein Opus magnum, hat Mircea Cartarescu mit Karacho an die Wand gefahren, findet Rezensent Burkhard Müller. Dem Rezensenten ist hier alles zu viel: Der Kaiser von Äthiopien, der sich vom armen Walachen erst zum Piratenkapitän und dann zum Kaiser aufschwingt, mit seiner Gier nach Juwelen, Eroberungen, Frauen. Die überbordenden Adjektive, die Gesichter nicht einfach als schwarz, sondern "pechrußschwarz" beschreiben. Die detailliert beschriebenen Massaker. Kurz: das "nie nachlassendes Fortissimo" Cartarescus nervt den Kritiker. Daran ändert auch nichts, dass die Apokalypse höchst eigenwillig interpretiert wird und Ernest Wichner "wort- und bildmächtig" übersetzt. Allenfalls die Großartigkeit des Scheiterns imponiert dem Rezensenten hier.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 08.10.2024
Rezensent Alexandru Bulucz schwelgt im barocken Sprachkunstwerk von Mircea Cartarescu. Im Zentrum steht der Kaiser von Äthiopien, sterbensmüde seiner Rolle und laut Bulucz ein echter Antiheld mit Drogenproblem. Im Kampf gegen ein fliegendes rumänisches Mythenwesen reibt Theodoros sich auf, damit sein Tyrannenschicksal erfüllend. Die Menge der Raum- und Zeitebenen, intertextuelle Bezüge im Text sowie der Pomp der Figuren und Szenerien und die Erzählperspektive (die Erzengel berichten) fordern dem Rezensenten einiges an Aufmerksamkeit ab. Als sprachmächtiger Roman über Herrschaft und Gewalt, Liebe und Schönheit überzeugt das Buch Bulucz allerdings auf ganzer Linie.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.2024
Schwer beeindruckt zeigt sich Rezensent Nico Bleutge von Mircea Cărtărescus neuestem Streich. Ein regelrechtes Feuerwerk der Erzählkunst brennt der Rumäne hier ab, freut sich Bleutge, und wieder einmal gelingt es dem Autor, eine Welt zu kreieren, die auf den ersten Blick ganz alltäglich ist, auf den zweiten jedoch jede Menge Wunderwesen und Geheimnisse birgt. Ein historischer Roman ist das nicht, stellt der Rezensent klar, wobei die Handlung durchaus in der Vergangenheit einsetzt, in der Walachei des 19. Jahrhunderts, genauer gesagt, wo die Titelfigur geboren wird und von ihrer Mutter jede Menge Geschichten vorgelesen bekommt. Später amalgamiert Cărtărescu, als Fortsetzung dieser Fabulierkunst, zwei historische Figuren zu einer, erläutert Bleutge, den Freibeuter Theodoros auf der einen, den äthiopischen Herrscher Tewodoros II. auf der anderen Seite. Freilich reicht die Erzählung dieses Romans noch viel weiter, erfahren wir, zurück zu König Salomon und voraus bis in unsere Zukunft, außerdem ist die Erzählperspektive äußerst gewitzt. Etwas gar viel Maskulinität steckt laut Bleutge in dieser Erzählung, aber auch dank der hervorragenden Übersetzung Ernest Wichners geht das überbordende Spiel mit der Romanform, das Cărtărescu hier veranstaltet, insgesamt voll und ganz auf.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 27.09.2024
Rezensent Jörg Plath vermisst keine autobiografischen Elemente in Mircea Cartarescus neuem Romanfeuerwerk. Der Autor erzählt die fantastische Geschichte vom Auftieg eines walachischen Dieners zum Kaiser von Äthiopien. Der im 19. Jahrhundert angesiedelte nicht ganz historische Roman zielt auf Totalität, meint Plath. In drei Teilen und aus drei Perspektiven berichtet Cartarescu in der Historie munter hin- und herspringend von Gemetzeln zu See und zu Land und Fleischeslust sondergleichen, staunt Plath. Ein barocker Roman prallvoll mit Bildern und Einfällen, der in der Übersetzung von Ernest Wichner auch auf Deutsch glänzt und funkelt, findet der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 23.09.2024
Gebt diesem Mann den Nobelpreis, fordert Rezensent Paul Jandl nach der Lektüre des neuen Buches des Rumänen Mircea Cartarescu. Erzählt wird die Geschichte des Titelhelden, der im 19. Jahrhundert zum äthiopischen Kaiser avancierte. Catarescu dichtet diesem Theodoros jedoch allerlei andere Geschichten an, unter anderem macht er aus ihm in seinem Buch einen gebürtigen Rumänen. Auch sonst sprudelt dieses Buch regelrecht über vor Erfindungsreichtum, jubelt Jandl, der die famose Fantasieproduktion Cartarescus unter anderem mit der Analyse eines vierseitigen Textabschnitts verdeutlicht, in dem auf Theodoros eine Kugel abgefeuert wird. Eine regelrechte Kosmologie en miniature entwirft Cartarescu hier, meint Jandl und geht im Folgenden auf einige andere Episoden des Buches ein, die sich mal mehr, mal weniger eng an die reale Historie sowie an populäre Mythologien schmiegen. Ein Meisterwerk des "was wäre, wenn" ist dieses Buch geworden, freut sich der Kritiker, der außerdem die gleichzeitig altertümelnde und avantgardistische Sprache des Autoren hervorhebt, die von Ernest Wichner in hervorragender Manier ins Deutsche übertragen wurde. Auch vor Vergleichen mit Borges und Swift schreckt der rundum enthusiastische Rezensent nicht zurück.