Michael Hagner

Der Geist bei der Arbeit

Historische Untersuchungen zur Hirnforschung
Cover: Der Geist bei der Arbeit
Wallstein Verlag, Göttingen 2006
ISBN 9783835300644
Gebunden, 286 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

"Geist und Bewusstsein sind nicht vom Himmel gefallen, sondern haben sich in der Evolution der Nervensysteme allmählich herausgebildet"- dies manifestierten Hirnforscher im Jahr 2004. Auch diese Erkenntnis ist nicht vom Himmel gefallen, sondern das Ergebnis einer 200jährigen Geschichte. Dabei waren die Theorien der Hirnforscher, mit denen sie versuchten, Sprache, Denken, Einbildungskraft, Moral und Gefühle im Gehirn zu lokalisieren, zu keinem Zeitpunkt unabhängig von den kulturellen, sozialen und politischen Umständen, unter denen sie ihre Forschungen betrieben. Die Cerebralisierung des Menschen ist ein unvollendetes und möglicherweise unvollendbares Projekt der Moderne. Neben faszinierenden Einsichten birgt es stets auch die Gefahr in sich, "Gehirn" mit Symbolen, Deutungen und Werten zu überfrachten und dadurch überzogene Erwartungen zu wecken, die nicht zu erfüllen sind oder zu heiklen biopolitischen Forderungen führen. Anthropologische Ansprüche an die Hirnforschung bewegen sich eher an der Grenze zwischen Science und Fiction. Vor dem Hintergrund dieser Debatten plädiert Michael Hagner für einen gelassenen und (selbst-)kritischen Umgang mit ihren Ergebnissen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.05.2007

Mit großen Gewinn hat der Hirnforscher Ernst Pöppel die historischen Untersuchungen zur Hirnforschung von Michael Hagner gelesen. Auch wenn er nicht in jeder Frage derselben Meinung ist wie der Autor kann er das Buch vor allem seinen Zunft-Kollegen nur ans Herz legen, helfe es doch, die eigene Tätigkeit im gesellschaftlichen Rahmen besser zu verstehen. Zudem hat Pöppel viel über die historischen Wurzeln seines Fachs gelernt. Er hebt hervor, dass der Autor eine Vielzahl von Themen aufgreift, etwa Sprache und Sprechen, das Leib-Seele-Problem, die Lokalisation von Funktionen im Gehirn, Hirnforschung und Psychoanalyse, Gesichts- und Gehirnverletzungen, Restitution von Funktionen nach Hirnschädigungen, Menschenbilder und Bilder von Menschen, Aufmerksamkeit und Film usw.  Er teilt insbesondere Hagners Kritik an der Theoriearmut der heutigen kognitiven Neurowissenschaften und deren Bildversessenheit. Zudem begrüßt er die Ausführungen über die enorme Öffentlichkeitswirksamkeit der Hirnforschung, die zu einer Art "pop science" geworden sei. Allerdings sieht Hagner die Konsequenzen der modernen Hirnforschung in Pöppels Augen ein wenig zu negativ. Natürlich kann sie die "großen Probleme der Menschheit" nicht lösen. Im Kleinen aber leistet sie nach Pöppels Ansicht durchaus wertvolle Arbeit.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.12.2006

Mit Gewinn hat Rezensent Michael Adrian die in diesem Band versammelten Aufsätze gelesen, der seinen Informationen zufolge die Trilogie des Zürcher Wissenschaftsforschers zur Geschichte der Hirnforschung nun zum Abschluss bringt. Klar, und auch "für den Laien nachvollziehbar" geschrieben, werfe Michael Hagner darin Schlaglichter auf 200 Jahre Hirnforschung. Was diese Essays für den Rezensenten besonders spannend macht, ist die Öffnung des Blicks auf die Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft und ihrer "kulturell-gesellschaftlichen Einbettung". So spüre Hagner der "kulturellen Codierung" der Migräne ebenso nach, wie dem Umgang mit Gesichts- und Hirnversehrten des Ersten Weltkrieges, oder dem Verhältnis von filmischer Ästhetik und Wissenschaft anhand von Wsewolod Pudowkins Experimentalfilm "Mechanik des Gehirns". Dass die unterschiedlichen Texte insgesamt keine These formulieren, stört den Rezensenten nicht im Geringsten. Wichtiger findet er, dass es Hagner gelungen ist, darin dem Gefühl der Unheimlichkeit Ausdruck zu verleihen, die das Moment der Inkompatibilität von Gehirn und Geist in dieser Kultur immer noch erzeugt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2006

Beeindruckt zeigt sich Martin Seel von Michael Hagners Studie "Der Geist bei der Arbeit". Dabei sieht er die Intention des Wissenschaftshistorikers nicht darin, in den aktuellen Auseinandersetzungen um das Verhältnis von Geist und Gehirn einzugreifen, sondern historisch zu erkunden, wie und mit welcher Absicht die Debatten um die Hirnforschung der letzten zweihundert Jahre geführt wurden. Die Einsichten, die Hagner hierbei mit präzisem Blick formuliert, haben nach Ansicht Seels gleichwohl enorme aktuelle Relevanz. So zeige der Autor etwa, dass die Ergebnisse der Hirnforschung stets von den herrschenden kulturellen Deutungen abhängen. Deutlich wird für ihn auch, dass seit dem 19. Jahrhundert mit der Hirnforschung immer wieder Politik gemacht wurde.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 28.09.2006

Sehr aufschlussreich findet Rezensent Michael Pauen dieses Buch, das sich mit dem Bemühen beschäftigt, den Aktivitäten des Gehirns ein Bild zu geben. Wie Pauen darstellt, sind die bekannten bunten Bilder von Gehirnströmen nicht die ersten Versuche, Geistesarbeit darzustellen. Und Michael Hagners historische Untersuchung hat dem Rezensenten dabei erhellende Einblicke in die Begrenztheit solcher Darstellungen gewährt, die äußerst abhängig von den dominierenden wissenschaftlichen Paradigmen seien. So wurden im 17. und 18. Jahrhundert mechanische Automaten für den Gipfel wissenschaftlicher Errungenschaft gehalten, folglich dominierten entsprechende Gehirnmodelle. Mit dem Aufkommen biologischer Erklärungen galt dann auch der Anatom Franz-Josef Gall als ernst zu nehmen, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts poetisches Talent an der Schädelform ablesen wollte. Wohlgemerkt, die heutigen Enzephalogramme sind wissenschaftlich sehr wertvoll, betont Pauen, aber Hagners Buch lasse einen ahnen, dass sie nicht der Weisheit letzter Schluss sein dürften.

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