Micha Brumlik

Sigmund Freud

Der Denker des 20. Jahrhunderts
Cover: Sigmund Freud
J. Beltz Verlag, Weinheim 2006
ISBN 9783407857804
Gebunden, 280 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Freud, der uns das Bild des Menschen als eines tragisch zerrissenen Wesens vor Augen führt, nahm zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen die im ersten Weltkrieg zerstörte bürgerliche Welt - und verfasste davon ausgehend nicht mehr und nicht weniger als eine Anthropologie des 20. Jahrhunderts. Freud zeigt sich mit der Psychoanalyse als - vorausschauender - Chronist seines Jahrhunderts, seiner Kriege, den Erfahrungen des massenhaften Sterbens und Tötens bishin zum systematisch organisierten Massenmord an den europäischen Juden. Micha Brumlik beschreibt, unter welchen historischen Voraussetzungen diese Theorie des Unbewussten entstehen konnte und nähert sich den Schriften Freuds fortan aus verschiedenen Richtungen, von der Traumtheorie ebenso wie von der Geschlechtertheorie und Trieblehre bis zu den zahlreichen kulturkritischen Schriften in seinem Werk. Zum Schluss des Buches stellt er die Frage, ob der Beitrag des Judentums zur europäischen Kultur - seine und die Tradition des Christentums reflektierend - nicht zuletzt in der Erfindung der Psychoanalyse bestand.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.10.2006

Micha Brumlik nähert sich Sigmund Freud nicht auf der biografischen Fährte, sondern interessiert sich für den Psychoanalytiker und seine Lehre als geschichtliche Erscheinung im historischen Kontext, stellt Jakob Hessing fest. Dass er die wichtigste Periode der Psychoanalyse erst nach dem Ersten Weltkrieg veranschlagt, sei nur im ersten Moment überraschend, denn der Autor kann zeigen, dass Freuds Theorien in entscheidendem Maß von der Erfahrung des Krieges geprägt sind, erklärt der Rezensent. Etwas schwach findet er den Widerspruch herausgearbeitet, der sich in Freuds Lehre bereits vor 1914 abzeichnet, nämlich dem erstaunlichen Unterschied zwischen individueller und kollektiver Moral. Ansonsten aber meint man aus der Kritik herauszulesen, dass ihm die Ausführungen Brumliks durchaus fundiert erscheinen, auch wenn er sich mit explizitem Lob vollkommen zurückhält.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.07.2006

Gelungen findet Rezensent Oliver Pfohlmann diese Einführung zu Sigmund Freud von Micha Brumlik, auch wenn sie nicht immer leichtfüßig daherkommt. Besonders schätzt er den Ernst, mit dem der Autor die "anthropologische Essenz" der Psychoanalyse behandelt. Brumlik betrachte Freud als "hellsichtigen Theoretiker", der den Verlust religiöser Gewissheiten ebenso artikuliere wie die Erfahrung des massenhaften Tötens im Ersten Weltkrieg. Pfohlmann hebt hier vor allem Brumliks Ausführungen zu Freuds umstrittenem Theorem des Todestriebs hervor, das der Autor durch Richard Dawkins Theorie der egoistischen Gene gestärkt sieht. Zudem würdigt er Brumliks Pochen auf der Einsicht, dass Freud ein Denker gewesen sei, der sich quer zur Tradition abendländischer Philosophie für das Einmalige und Kontingente am Menschen interessiert habe. Einen Minuspunkt vergibt der Rezensent für stilistische und inhaltliche Schludereien, die er dem Lektorat anlastet.