Martin Walser

Schreiben und Leben

Tagebücher 1979-1981
Cover: Schreiben und Leben
Rowohlt Verlag, Reinbek 2014
ISBN 9783498073862
Gebunden, 704 Seiten, 26,95 EUR

Klappentext

"Der Mensch ist ein Dichter. Und wenn er kein Dichter mehr ist, dann ist er auch kein Mensch mehr", schreibt Martin Walser im April 1979 in sein Tagebuch. Leben und Schreiben? So waren seine Tagebücher bisher überschrieben, aber nun, in diesem vierten Band, ist die Gewichtung eine andere. "Schreiben und Leben" heißt es jetzt: Das Schreiben erst gibt dem Leben seinen Sinn. Und es bringt Schönheiten hervor, die genauso Wahrheiten sind dafür liefert dieses Tagebuch hinreißende Beweise. Und doch. Es wird gelebt, es wird erlebt, und dann erst wird geschrieben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.2014

Peter Hamm ist offenbar nicht der ideale Leser für Martin Walsers Tagebücher. Schließlich stößt er sich an Walsers gesammelten Banalitäten, dem billigen Klatsch und der unsäglichen Selbstverliebtheit des Bestsellerautors, dem beißenden Ehrgeiz des Egoisten Walser, der nie genug Aufmerksamkeit bekommen kann, wie die Tagebucheinträge laut Hamm belegen. Zugfahrpläne, Kontostände, Verkaufszahlen, Missgunst und immer wieder die Selbstbespieglungen des Schmerzensmannes vom Bodensee - Hamm hälts nicht aus, auch wenn es natürlich komisch ist, wie er anmerkt. Wenige Trouvaillen der Beobachtung, wenn der Autor reist - in die DDR oder in die USA, können Hamm nicht trösten.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.10.2014

Rezensent Helmut Böttiger begrüßt den vierten Teil der Tagebücher Martin Walsers, die ganz zurecht nicht mehr "Leben und Schreiben" wie die ersten drei Teile heißen, sondern: "Schreiben und Leben". Denn der Kritiker stellt hier während der Lektüre fest, wie sehr das Schreiben immer mehr von Walser Besitz ergreift, ihm so aber auch einen tieferen Einblick in das Leben ermöglicht. Und so liest Böttiger auf den hier auf 700 Seiten zusammengefassten Jahren 1979 - 1981, die selbst Kafkas Schreibwut hinter sich lassen, wie Walser nahezu besessen "Bestenlisten" und "Bestsellerlisten" durchschaut, sein eigenes Schreiben kommentiert und sehnsuchtsvoll, fast verzweifelnd den Büchnerpreis erwartet. Sinnliche Beobachtungen und Empfindungen liest der Rezensent hier, die ihm in ihrer wortgewaltigen Schönheit den Atem verschlagen. Doch besticht ihn dieser vierte Band der Tagebücher vor allem durch seine "identifikationssuchenden Gefühls- und Befindlichkeitskaskaden", schließt der Kritiker.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 04.10.2014

Dass Florian Kessler ein Freund von Walsers Schaffen ist, lässt sich nicht gerade behaupten: Ausführlich legt er zunächst seine Vorbehalte insbesondere gegen Walser Frühwerk und dessen kontroverse Paulskirchenrede dar, die Kessler als Grundlage der heutigen, angeblich unverklemmten nationalen Stimmung im Lande deutet. Doch gerade in dieser Hinsicht hält der Kritiker Walsers vorliegende Tagebuchnotizen auch für "aufschlussreich": Zwar rollt er angesichts von Walsers unentspanntem Altherren-Verhältnis zu Frauen und Erotik mehr als einmal genervt mit den Augen. Doch lässt sich seiner Ansicht nach dabei auch beobachten, wie sich in den zahlreich zur Schau gestellten, aus einer "radikal stickigen Kulturwelt" resultierenden Eitelkeiten und Kränkungen Walsers Wandel vom progressiven Autor hin zum nonchalanten, auf das allgemeine Meinungsbild und die Gefühle anderer wenig gebenden Fassöffner in der Paulskirche vollzieht. Und diese Enthemmung in ihrem Vollzug zu verstehen, sei, so der Rezensent weiter, insbesondere fürs heutige politische Klima unabdingbar, auch wenn ihm die Lektüre dieser Notizen nur wenig Vergnügen bereitet hat.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.09.2014

Zu selten fühlt sich Rezensent Rainer Moritz auf diesen Seiten angesprochen. Was Martin Walser im vierten Teil seiner Tagebücher (1979-1981) zu Papier bringt, teilt Moritz auf in enerviernde Belege eines rastlos nach Anerkennung hechelnden, längst zu Ruhm und Wohlstand gekommenen Schriftstellers, der noch immer jede Rezension besessen nach Lob absucht, und den Philologen ergötzende Werkstattberichte, sowie bewegende Momente, wenn Walser über die Familie oder das Bodensee-Idyll schreibt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.09.2014

In diesem Band der Walser'schen Tagebücher ist wirklich beinahe alles wesentliche drin, verspricht Martin Oehlen. Die Jahre 1979 bis 1981 waren nicht nur äußerst produktiv - unter anderem entstanden in der Zeit "Ein fliehendes Pferd", "Schwanenhaus" und "Brief an Lord Liszt" -, hier werden auch schon die beiden großen historischen Themen entfaltet, die für den Autor so wichtig werden sollten, die Erinnerung an Auschwitz und die Deutsche Einheit, schreibt der Rezensent. Es sind aber auch die bisher intimsten Aufzeichnungen, verrät Oehlen, oft geht es um "das Bestehen in der Konkurrenzgesellschaft", um Kritik, um Verkaufszahlen, aber auch um die Familie, um Ehefrau Käthe und die Kinder, fasst der Rezensent zusammen und zitiert Walser: "Immer war etwas".