Naturrecht und Emotion
Eine Geschichte der Gefühle im 18. Jahrhundert

Wallstein Verlag, Göttingen 2025
ISBN
9783835358539
Broschiert, 236 Seiten, 19,00
EUR
Klappentext
Naturrecht ist das Recht der Vernunft, doch Menschen werden fast immer von ihren Emotionen bestimmt. Philosophie, Medizin und Theologie um 1700 haben versucht, diese genauer zu ergründen. Was ist, wenn der Mensch komplett seinen Gefühlen und Trieben ausgesetzt ist - weil die Stimme der Vernunft nichts mehr ausrichtet? Während heute eine politische Psychologie, die von der Intelligenz der Emotionen ausgeht, der Lage etwas Gutes abgewinnen kann, gab es um 1700 schon einmal eine epistemische Situation, die sich der Macht der Gefühle stellte; aber mit einem pessimistischen Grundton. Was bleibt dann zu tun? Sind die Furcht vor Bestrafung und die Hoffnung auf Belohnung die einzigen legitimen Affekte, auf die natürliches Recht und gesellschaftlicher Friede bauen können? Oder gibt es Befreiungen, über die der Mensch doch noch zu konstruktiven Lebensweisen findet? Der vielfach mit Preisen ausgezeichnete Ideenhistoriker Martin Mulsow unternimmt eine spannende Achterbahnfahrt durch die Disziplinen, steuert Philosophie und Theologie, aber auch Medizin, Embryologie und Strafrecht, Musik und Ökonomie, Philologie und Kirchengeschichte an, um zu erkunden, was das Wissen von Emotionen im beginnenden 18. Jahrhundert gewesen ist. Auf diese Weise scheinen überraschende Perspektiven auf, die Diskurse von heute im fernen Spiegel der frühen Aufklärung erkennen lassen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.05.2025
Rezensent Milos Vec ist schwer beeindruckt vom Wissensschatz des Ideenhistorikers Martin Mulsow, wie der Autor ihn in seinem Buch zu einer Gefühlsgeschichte im 18. Jahrhundert zusammenschnürt. Oder nicht ganz. Vec jedenfalls erkennt gleich fünf unterschiedliche Geschichten, weil der Autor in fünf in sich geschlossenen Essays immer neu ansetzt, Emotionen wie Furcht, Liebe, Hass oder Eifersucht vor dem Hintergrund der Frühaufklärung zu denken und zu erläutern. Dass es Mulsow auch gelingt, den Bogen vom zuvor gründlich historisierten Naturrecht in die Gegenwart zu schlagen, indem er verantwortungsethische Fragen aufwirft, scheint Vec umso bemerkenswerter.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 24.03.2025
Ein Buch, das das Zeug dazu hat, viele allzu simple Erklärungsmuster im aktuellen Denken aufzubrechen, hat Martin Mulsow laut Rezensent Thomas Steinfeld geschrieben. Es beschäftigt sich, erläutert Steinfeld, mit den Versuchen deutscher Frühaufklärer, das Verhältnis von Körper und Geist in einer Zeit auszutarieren, in der religiöse Weltbilder langsam an Zugkraft verlieren. Wichtig ist dabei vor allem der Begriff des Naturrechts, das sich einzig auf die Vernunft beruft, was die Frage aufwirft, wie mit den Trieben und Affekten umzugehen ist, die sich der Vernunft oft entziehen. Autoren wie Christian Thomasius und Theodor Ludwig Lau dachten, zeigt Mulsow Steinfeld, im Austausch miteinander über solche Themen nach, und zwar in einer Weise, die die Komplexität von Gefühlen ernst nimmt. Dass die naturwissenschaftlichen Aspekte dieses Denkens inzwischen überholt sind, entwerte diese Denktraditionen keineswegs. Insbesondere, weil Mulsow eine intellektuelle Tradition darstelle, die nicht auf einen Gegensatz von Oberfläche und Tiefenstruktur hinauswill, wie ihn in etwa Eva Illouz vertritt. Nicht zuletzt gefällt Steinbach diese "Rechtsgeschichte des Gefühls" auch deshalb, weil sie eine Art Landkarte des intellektuellen Lebens in Deutschland zu Beginn des 18. Jahrhunderts zeichnet.