Mit 68 Abbildungen. Die Autorin erforscht eines der wichtigsten Kapitel in der Geschichte der modernen Biologie: die Herausbildung der Vorstellung von biologischer Entwicklung und die Entstehung der Embryologie um 1800. Die Epoche um 1800 markiert jenen historischen Einschnitt, an dem sich die Wahrnehmung des Lebendigen grundlegend veränderte. Die Natur und ihre Hervorbringungen wurden nun nicht mehr im Rahmen einer starren und zeitlosen Ordnung betrachtet, sondern in der Perspektive ihres Werdens, ihrer kontinuierlichen Umgestaltung und Entwicklung. Janina Wellmann stellt die These auf, dass sich zwischen 1760 und 1830 in verschiedenen Wissensbereichen wie der Musiktheorie, Dichtungstheorie und Philosophie Rhythmus als eine neue epistemische Kategorie etablierte. Nur vor diesem Hintergrund kann auch die Entstehung biologischer Theorien verstanden werden. Die lebendige Welt, insbesondere die Vorstellung von Entwicklung, wurde um 1800 neu in Begriffen von rhythmischen Mustern, rhythmischer Bewegung und rhythmischer Repräsentation konzeptualisiert. Darüber hinaus zeigt Wellmann, wie die Rhythmisierung der lebendigen Welt nicht nur die Theorie, sondern auch die visuelle Repräsentation von Bewegung prägte und wie diese in die wissenschaftliche Darstellung lebendiger Prozesse übernommen wurde.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.2010
Hervorragend findet Rezensent Thomas Weber Janina Wellmanns Studie zur Geschichte der Embryologie und frühen Biologie. Die Autorin vertritt darin mit vielen Belegen aus Dichtung- und Musiktheorie, Wissenschafts- und Bildgeschichte die These, dass um 1800 Rhythmus nicht nur in der Biologie zur "zentralen epistemischen Kategorie" wurde. Auch die Verbindungslinie, die die Autorin zwischen wissenschaftlicher Darstellung embryonaler Entwicklungslinien und den in Wort und Bild festgehaltenen Anweisungen von Waffen- und Tanzmeistern des 17. und 18. Jahrhunderts zieht, scheint Weber überzeugend. Trotz der beweiskräftigen Argumentation rühren sich beim Rezensenten aber mitunter "leise Zweifel" an den Ausführungen, weil Wellmann nirgends danach fragt, warum der Rhythmus als wissenschaftliche Erklärungskategorie in dieser Zeit so einflussreich wurde. Davon abgesehen aber würdigt der Rezensent die Studie als "hochaktuell" und gewinnbringend, und er erhofft sich davon frischen Wind für die Erforschung der Embryologie und der Biologiegeschichte.
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