Benjamin Libet

Mind Time

Wie das Gehirn Bewusstsein produziert
Cover: Mind Time
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005
ISBN 9783518584279
Gebunden, 304 Seiten, 19,80 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Jürgen Schröder. Fast nichts ist uns Menschen so wichtig wie unser subjektives, bewusstes Innenleben - und doch wissen wir relativ wenig über seine Genese. Benjamin Libet gehört zu den Pionieren auf dem Gebiet der Bewusstseinsforschung und hat zahlreiche Experimente durchgeführt, die gezeigt haben, wie das Gehirn Bewusstsein produziert. In seinem 2004 erschienenen und jetzt auf Deutsch vorliegenden Buch "Mind Time" präsentiert er erstmals eine eigene Deutung seiner berühmten "Libet-Experimente", die die aktuelle Debatte über die Bedeutung der Hirnforschung für unser Menschenbild überhaupt erst angestoßen haben. Im Zentrum der Experimente steht der Nachweis, daß jedem bewussten Prozess ein unbewusster, jedoch meßbarer Prozess zeitlich vorausgeht. Diese zeitliche Differenz - die "Mind Time" - lässt den Schluss zu, dass unbewusste Prozesse in unserem Gehirn unser Bewusstsein steuern und nicht umgekehrt das Bewusstsein "Herr im Haus" ist. Die vermeintlichen freien Willensakte etwa sind längst initiiert, bevor uns ein Handlungswunsch überhaupt gegenwärtig ist. Libet behandelt die weitreichenden Folgen seiner Entdeckung nicht nur für die Willensfreiheit, sondern auch für die Identität der Person und die Beziehung zwischen Geist und Gehirn. Klar und verständlich dargestellt, ermöglichen Libets Experimente und Theorien es sowohl Spezialisten als auch interessierten Laien, an einem der spannendsten Forschungsprogramme dieser Tage teilzuhaben - der Erforschung des menschlichen Bewusstseins.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.04.2005

Der Wissenschaftshistoriker Matthias Hagner ist sehr darum bemüht, die Thesen, Theorien und Argumente des Neuropsychologen Benjamin Libet in die Geschichte seines Fachs wie der Wissenschaftstheorie einzuordnen. Nach wie vor hängt Libet, so Hagner, der Popperschen Falsifikationstheorie an, die sich im Laufe der Zeit nicht so sehr als falsch denn als nicht besonders brauchbar erwiesen habe. Auf dieser Basis nun verteidige Libet seinen "weichen Dualismus", die These einer irreduziblen Zweiheit von neurophysiologischer Beobachtung zum einen und per Introspektion zu gewinnender psychologischer Darstellung von Vorgängen im Gehirn zum anderen. Dies hat stets, so Hagner, zu eher ungewöhnlichen Designs der Libetschen Experimente geführt, die stets auf Falszifizierbarkeit angelegt und auf die "Subjektivität, Vertrauenswürdigkeit, Zuverlässigkeit, Glaubwürdigkeit" der Versuchspersonen angewiesen waren. Mit einem ausdrücklichen Urteil zu Libets Ansichten wie diesem Buch hält sich der Rezensent zurück. Die Skepsis freilich ist spürbar.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.03.2005

Benjamin Libets Studien zur Willensfreiheit wurden in der Regel als Widerlegung derselben interpretiert, obwohl er selbst diese Konsequenz nie gezogen hatte, berichtet Rezensent Michael Pauen. Schon aus diesem Grund verdient Libets Buch "Mind Time" seines Erachtens "besonderes Interesse", stellt der Autor darin doch seine bisherigen Arbeiten und seine Grundannahmen im Zusammenhang dar. Als ersten Schwerpunkt nennt Pauen ältere Untersuchungen über die Verzögerung, mit der neuronale Aktivitäten ins Bewusstsein treten. Libets Experimente zur Willensfreiheit, die zeigten, dass die eine Handlung einleitende Hirnaktivität früher einsetzt als der bewusste Entschluss zu dieser Handlung, bilden nach Auskunft Pauens den zweiten Schwerpunkt. Demnach scheine die eigentliche Festlegung auf der neuronalen Ebene zu fallen, während sich der bewusste Willensakt als ein wirkungsloses Nachspiel darstelle. Dennoch halte Libet Willensfreiheit für möglich. Für Pauen ist Libets Theorie der Willensfreiheit untrennbar verbunden mit seiner dualistischen Auffassung, wonach Willensakte keine physischen Prozesse sind, aber dennoch auf physische Prozesse einwirken können, ein Thema, das den dritten Schwerpunkt des Buches bildet. Libet sehe, anders als viele Autoren, die sich auf ihn berufen, ein religiös geprägtes, dualistisches Menschen- und Weltbild keineswegs in Gefahr. Wo sich Libet in philosophische Gefilde vorwagt, unterlaufen ihm nach Ansicht Pauens "einige Missgriffe", etwa wenn er Materialismus und Determinismus identifiziere, obwohl der Materialismus nicht deterministisch und der Determinismus nicht materialistisch sein müsse. Zudem hält Pauen fest, dass Libet neuere empirische Befunde nicht immer ausreichend berücksichtigt. Trotz dieser Kritik lobt Pauen das Buch als eine "äußerst lesenswerte und lehrreiche Arbeit".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 16.03.2005

Da die berühmten, nach ihm benannten Experimente des Neurophysiologen Benjamin Libet den meisten nur "vom Hörensagen" bekannt sind und dann lediglich in den Auslegungen von Hirnforschern wie Wolf Singer und Gerhard Roth, findet es Christine Pries sehr begrüßenswert, dass in diesem Buch Libet selbst seine Untersuchungsergebnisse darlegt. Es zeigt sich, dass der Autor nicht nur die aktuelle Hirnforschung, sondern auch die "philosophische Debatte" verfolgt, die sich um Fragen der Willensfreiheit und den Determinismus menschlichen Handelns drehen, stellt die Rezensentin zufrieden fest. Während in den Studien beispielsweise von Gerhard Roth die Experimente des Autors als Beweis dafür gelten, dass der freie Wille "Illusion" sei, zeigt sich Libet bei der Interpretation seiner Forschung vorsichtiger, so Pries. Während das von ihm entdeckte so genannte "Bereitschaftspotenzial" tatsächlich nachweist, dass schon bevor ein Mensch die Entscheidung zu einer bestimmten Handlung trifft, Hirnströme zu messen sind, die die entsprechende Handlung auslösen, gibt es nach Libet auch ein "Veto-Phänomen", das eine Verzögerung verursacht mit der Möglichkeit, die bereits getroffene Entscheidung zu revidieren. Somit ist nach Libet die "Existenz eines freien Willens" zumindest ebenso wahrscheinlich wie das Gegenteil, erklärt die Rezensentin aufatmend.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.02.2005

Vor Jahren überzeugte der Neurophysiologe Benjamin Libet sich und die Fachwelt davon, dass der sogenannte freie Wille beim Menschen nicht existiert. In Experimenten wies er folgendes nach: Immer wenn wir denken, uns gerade bewusst für etwas entschieden zu haben, ist unser Körper schon mit der Ausführung der Handlung beschäftigt. Nun, wundert sich Christian Geyer, veröffentlicht Libet - die langjährige "Galionsfigur des Determinismus" - eine Sammlung von Aufsätzen, in der er die Existenz einer freien Willensentscheidung verteidigt. Das wirkt zwar auf den ersten Blick wie die "Sabotage" eines Lebenswerkes, entpuppt sich laut Geyer bei genauerem Lesen aber als argumentative Meisterleistung. Libet erklärt den Determinismus einfach zur Glaubenssache. Ob wir nur Gefühlsroboter oder Individuen mit Handlungsfreiheit sind, lässt sich experimentell nicht entscheiden. So bringt Libet auf elegante und überzeugende Weise den freien Willen wieder ins Spiel, lobt Christian Geyer.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.01.2005

Den neurowissenschaftlichen Reduktionisten, die das Phänomen der menschlichen Willensfreiheit als "Illusion" entlarven möchten, sollte Benjamin Libets Buch "Mind Time" zu denken geben, meint Rezensent Uwe Justus Wenzel. "Bemerkenswert" findet er in seiner Sammelbesprechung von neuem Publikationen zum uralten Streit "Freiheit versus Determinismus" jedenfalls, dass der Bewusstseinsforscher Libet - anders als viele seine Interpreten - aus seinen Experimenten keineswegs auf die Unfreiheit des menschlichen Willens schließt. Libet hatte nachgewiesen, dass dem subjektiv erlebten Handlungswillen ein "Bereitschaftspotenzial", eine unbewusste neuronale Aktivität, um ungefähr 350 bis 400 Millisekunden vorausgeht. Wie Wenzel berichtet, sieht Libet den Willen, den er weiterhin frei nenne, zwar nicht als Initiator der Willensaktivität, wohl aber als eine (experimentell "gesicherte") Veto- Instanz: der Mensch könne bewusst Nein sagen zu dem, was in ihm zunächst un- oder vorbewusst aufgestiegen sei. Zudem nehme Libet augenscheinlich an, dass dieser Wille nicht nur Nein, sondern auch Ja sagen könne, dass er also einen Handlungsimpuls nicht nur blockieren, sondern auch aktiv realisieren könne. Ferner berichtet Wenzel, dass Libet mit einem Leib-Geist-Dualismus sympathisiert. In allen Einzelheiten beschreibe Libet ein Experiment, dass die Existenz eines von neuronalen Verbindungen unabhängigen "bewussten mentalen Feldes" nachweisen soll. "Das waghalsig erscheinende Unternehmen ist jedoch, mangels kooperationsbereiter Neurochirurgen, noch nie in Angriff genommen worden", resümiert Wenzel. "Bis es so weit kommt, müssen Hirnträger weiterhin im Ungewissen leben."

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