Kathrin Schmidt

Kapoks Schwestern

Roman
Cover: Kapoks Schwestern
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2016
ISBN 9783462049244
Gebunden, 448 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Die Siedlung Eintracht, einst direkt an der Berliner Mauer gelegen, hat ihre Abgeschiedenheit bewahrt. Jahrzehntelang hat Werner Kapok sein Elternhaus, in das seine Schwester Renate gezogen ist, gemieden. Stattdessen gründete er eine eigene Familie und verließ sie schnell wieder. Später gab er seine Professur auf und verschwand. Nun kehrt er zurück, und die Familiengeschichte holt ihn ein. Denn im Haus gegenüber wohnen immer noch die Schaechter-Schwestern Barbara und Claudia, mit denen er groß geworden ist und seine Sehnsüchte teilte. Dass sie ihn, jede für sich, in die Liebe einführten, haben sie einander bis heute verschwiegen. Als dann auch noch Werners verlorener Sohn auftaucht, kann nichts bleiben, wie es war. Alte Geheimnisse, vergessene Leidenschaften, noch immer schwelende Konflikte müssen ans Licht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.11.2016

Jawohl, das ist durchaus eine Familiensaga, verspricht Roman Bucheli, aber die Autorin arbeitet "mit Feder und Messer zugleich", denn sie ist durch die Molekularküche der modernen Literatur gegangen und weiß, dass das "und dann und dann"-Muster nicht so einfach verfängt. Die virtuose Stückelung der Geschichte - es geht um eine jüdische Familie in der DDR und alles, was sie zuvor erleiden und danach erleben musste - ist nicht einfach ein formaler Trick, versichert der Rezensent, sondern formal konsequent. Übrigens gefällt ihm dabei die "Mikro"-Ebene an dem Roman besser als der Einbau der ganz großen Geschichte: Glaubhaft ist der Roman im Detail, im Großen und Ganzen aber etwas kitschig - worüber der Rezensent am Ende aber angesichts der Vorzüge des Buchs hinweg sieht. Besonders gefällt ihm, dass das Verhältnis der DDR zum Jüdischen und die später so explosive Verdrängung von Vergangenheit so präzise geschildert sind.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.11.2016

Rezensent Jörg Magenau staunt, wie es Kathrin Schmidt in ihrem neuen Roman "Kapoks Schwestern" gelingt, eine Kleingartenkolonie in Treptow zum "Tor zur Welt" zu machen. Hier nämlich trifft der ehemalige Marxismus-Professor Kapok nach einigen Jahrzehnten seine beiden Jugendlieben wieder, die jüdischen Schlaechter-Schwestern, deren Familiengeschichte von Bosnien bis Indien und Israel reicht, resümiert die Kritikerin. Dass Schmidt ohne chronologische Ordnung ein weit verzweigtes, bisweilen ein wenig ächzendes Netz von Figuren und Schicksalen unterbringt, den Ersten Weltkrieg und den Nationalsozialismus ebenso thematisiert wie Flucht, sowjetisches Exil unter Stalin, DDR-Zeit und Gegenwart, stört Magenau nicht besonders: Nüchtern-bewegende Szenen, psychologisch subtile Charaktere und versteckte, spannungsreiche Zusammenhänge machen diesen Roman zu einem Ereignis, lobt der Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.11.2016

Katharina Teutsch kann ihre Enttäuschung nicht verbergen, wie konventionell Kathrin Schmidts Roman "Kapoks Schwestern" ausgefallen ist. Wenig ist von der sprachlichen Originalität der einstigen Lyrikerin Schmidt zu finden, seufzt die Rezensentin. Sie führt es darauf zurück, dass sich die Autorin mit der Schilderung verschiedener Familienstränge und der Verhandlung jüdischer Identität in der Nachkriegszeit und der DDR einfach zuviel aufgeladen hätte. Zwar arbeitet Schmidt das große Pensum mit "beeindruckender Beflissenheit" ab, doch die Geschichte lässt Teutsch "seltsam kalt". Halbwegs entschädigt wird sie immerhin von einer gelungenen Schlusspointe.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.10.2016

Gern gelesen hat Rezensentin Katrin Hillgruber diesen Roman, der von Werner Kapok erzählt und seiner Rückkehr in das Ost-Berliner Elternhaus. Kapok selbst ist ein sprunghafter, nicht unbedingt geradliniger Mann mit manch fragwürdigen Abschnitten in seinem Leben. Die mangelnde Linearität, fehlende Stringenz mag auch ein Vorwurf der Rezensentin an die Autorin sein, ansonsten findet Hillgruber fast nur lobende Worte für den Roman. Schmidt sei ein bestechender Deutschlandroman mit interessanten Figuren gelungen, mit spannender Handlung und sinnlichen Momenten.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.10.2016

Kathrin Schmidts neuer Roman, der aus der Perspektive zweier Schwestern auf hundert Jahre Zeitgeschichte zurückblickt, erinnert Rezensentin Katrin Bettina Müller an Nino Haratischwilis "Acht Leben". Doch wo dort vor allem Mitgefühl herrscht, überzeugt Schmidt durch ihren distanzierten Blick auf das Geschehen, erklärt die Kritikerin. Sie wird zwar in den Bann gezogen durch die Geschichte um die beiden alleinstehenden fünfzigjährigen Schwestern, die zurückgezogen im Treptower Gartenhaus ihrer Familie leben, auf dem Dachboden alte Super-8-Filme finden und beginnen, das bisher verschwiegene Schicksal ihrer jüdischen Familie zu rekonstruieren. Doch nimmt die Rezenensondern auch die Möglichkeit, die Empfindungen der Figuren nur erahnen zu können, dankbar an. Gelegentlich mag das Verhältnis zwischen den Romanhelden und dem historischen Material ein wenig ächzen, einige Figuren bleiben bisweilen auch auf der Strecke, meint Müller. Wie Schmidt jedoch die Beziehung der beiden Schwestern und deren spätes Liebesglück knapp, aber doch vertraut schildert, versöhnt die Kritikerin schnell wieder mit diesem Roman.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 03.09.2016

Paul Jandl ist schwer beeindruckt von Kathrin Schmidts satirischem Deutschlandroman "Kapoks Schwestern". Wie die Autorin darin ein buntes Figurenpersonal aufbietet und davon ausgehend ein ganz Europa und zwei Jahrhunderte umspannendes Panorama entwirft, begeistert den Rezensenten: "Kathrin Schmidt springt in ihrem Roman durch die Geschichten und durch die Geschichte." Um die Familiengeschichte der titelgebenden jüdischen Schwestern Barbara und Claudia geht es ebenso wie um einen Philosophieprofessor, der sich nach der Wende in ein brandenburgisches Dorf zurückzieht, wo er sich als Irrer ausgibt, so Jandl, bis sich die Wege schließlich in einer Treptower Kleingartenkolonie kreuzen.
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