Katharina Mevissen

Ich kann dich hören

Roman
Cover: Ich kann dich hören
Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2019
ISBN 9783803133069
Gebunden, 168 Seiten, 19,00 EUR

Klappentext

Ein schalldichter Raum. Draußen die Großstadt. Osman Engels übt Cello. Er spielt an gegen unsichtbare Hindernisse, die irgendwo in seiner Vergangenheit liegen und denen er auf dem Fußballfeld besser ausweichen kann. In seiner Welt ersetzt Musik schon lange die Worte. Er kann selbst nicht gut zuhören, nichts festhalten, ohne Kontaktlinsen auch schlecht sehen. Als er ein zufällig gefundenes Aufnahmegerät abhört, wird er zum Ohrenzeugen einer Beziehung, die auf ganz andere Art laut ist. Seine Mitbewohnerin Luise lernt derweil im Nebenzimmer für ihre Prüfung, manchmal rauchen sie gemeinsam am offenen Fenster, kochen Knoblauchnudeln, bringen Altglas zum Container. Sie verstehen sich, ohne sich richtig anzufassen, denn auch mit der Liebe fangen sie gerade erst an. Als sein türkischer Vater, ebenfalls Musiker, sich das Handgelenk bricht und Tante Elide, seine Ziehmutter, nach fast zwanzig Jahren in Deutschland plötzlich nach Paris gehen will, ist Osman gezwungen, ein paar Dinge aufzuräumen, ein paar Fragen zu stellen. Der Roman erzählt von einem jungen Mann, dem Augen und Ohren geöffnet werden, und von einer Frau, die in der Stille lebt. Es geht um Vater-, Mutter- und Gebärdensprache und um die berührende Kraft von Musik.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 29.03.2019

Rezensent Cornelius Wüllenkemper entdeckt alternative Weltzugriffe und einen originären literarischen Blick auf die Wirklichkeit in Katharina Mevissens Debütroman. Wie die Autorin Beziehungen jenseits von Sprache thematisiert, indem sie einen maulfaulen Cellisten, zwei Gebärdensprecher und seine eigenwillig kommunizierende Tante als Figuren einführt und miteinander in Kontakt treten lässt, findet Wüllenkemper neu und aufregend. Nicht nur unterläuft der Text laut Rezensent mutig wie gekonnt Erwartungshaltungen, das Thema der nonverbalen Kommunikation und die Repräsentation Unterrepräsentierter geht Mevissen für Wüllenkemper auch literarisch eindrucksvoll an.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 20.03.2019

Katrin Bettina Müller entwickelt viel Sympathie für den Debütroman von Katharina Mevissen. Wie die Autorin darin von einem jungen Cellisten erzählt, der sich anhand eines akustischen Fundstücks in die Welt einer fremden Frau hineinfantasiert, flüchtet, vor der Beziehung zum eigenen Vater, gefällt Müller gut, weil die Autorin es versteht, humorvoll und ohne Pathos zu schreiben. Vor allem aber schafft Mevissen laut Müller Räume für den Leser, die es ihm ermöglichen, den Figuren nahe zu sein. Ein Buch, das von der Liebe zum geschriebenen und gesprochenen Wort, zu Klängen und Gebärden zeugt, findet Müller.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 23.02.2019

Cornelia Geißler ist ganz betört von Katharina Mevissens Roman. Die Geschichte um einen türkischstämmigen Cellisten und seine tief Liebe zur Musik entpuppt sich laut Rezensentin als geschickt komponiertes Stück über Sprache und Sprachlosigkeit und die Schwierigkeiten des Deutschen für türkische Muttersprachler. Überrascht zeigt sich Geißler auch über Mevissens Fähigkeit, eigentlich nur Hörbares in Schrift und eine rhythmisch facettenreiche Sprache zu übersetzen. Eine komplexe Komposition für Kammerorchester, so Geißler.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.02.2019

Ekaterina Kel sieht in Katharina Mevissens Debüt einen universalistischen Roman, der das Einzelne hochleben lässt. Das Thema der problematischen Kommunikation und ihrer Überwindung erfasst die Autorin laut Kel geschickt konstruiert im Schicksal zweier junger Menschen, eines türkischstämmigen Cellostudenten und einer Gehörlosen. Tiefsinnig, mit spielerischer Sprache und angereichert mit reizvollen Leerstellen und Abzweigungen erzählt Mevissen laut Kel nicht zuletzt frisch von migrantischen Identitäten.
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Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 08.02.2019

Einen beachtlichen Debütroman hat die 1991 geborene Katharina Mevissen mit "Ich kann dich hören" vorgelegt, meint Anne Kohlick. Die Geschichte um den bei seiner Tante im Ruhrgebiet aufgewachsenen und dann in eine Hamburger WG gezogenen "sympathisch verkorksten" Osman, der ein verlorenes Diktiergerät findet, überzeugt die Rezensentin mit seiner stimmigen Leitmotivik um den Komplex des Akustischen, von der allgegenwärtigen Musik bis zum Gelingen und Scheitern menschlicher Kommunikation. Ein "starkes und gleichzeitig leises Buch", findet Kohlick.