J.J. Voskuil

Die Mutter von Nicolien

Roman
Cover: Die Mutter von Nicolien
Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2021
ISBN 9783803133328
Gebunden, 256 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. Nicoliens Mutter vergisst. Erst vertauscht sie die Tage, dann kann sie ihre Lieblingslieder nicht mehr mitsingen, zuletzt verirrt sie sich in der Wohnung. Über knapp drei Jahrzehnte wird ihre Demenz in vielerlei Alltags- und Ausflugsszenen mit den schleichenden Veränderungen beschrieben. Alsbald wähnt man sich im Wohnzimmer der Familie, mit Schnaps in der Hand und Kuchen auf dem Tisch, erfüllt von Zuneigung und Hilflosigkeit. Wie in einem Super-8-Film werden der Gedächtnisverlust und die Reaktionen der Angehörigen, die zwischen Verärgerung, Irritation, Trauer und Ungeduld schwanken, in einer Fülle von lebendigen Details nachgesponnen. In genau abgelauschten Dialogen und auf musikalische Weise, in Varianten, Schleifen, Pausen erzählt J. J. Voskuil die Geschichte einer Frau, die zunehmend unerreichbar wird. Eine Frau wird buchstäblich um den Verstand gebracht - von einer Krankheit. Mitunter ist es zum Lachen, welche absurden Bemerkungen sie macht. Doch vor allem ist ihr Vergessen beunruhigend. Schleichend entwickelt sich die Demenz, unberechenbar. Eine wahre, ebenso traurige wie alltägliche Geschichte.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.01.2022

Rezensent Wolfgang Schneider liest das Spin-off von J. J. Voskuils Romanzyklus "Das Büro" mit Beklemmung. Die Geschichte der Ehefrau des Romanhelden Maarten, genauer ihrer dementen Mutter, erzählt Voskuil laut Schneider als Abfolge der unausweichlichen Stadien der Erkrankung. Unheimlich wirkt das auf Schneider auch deshalb, weil der Autor nichts erklärt, sondern nur genau dokumentiert. Spannung entsteht dennoch, so Schneider, da der Leser auf die jeweils nächste Krankheitsstufe wartet. Ein Schrecken mit Ansage für den Rezensenten. Gerd Busses Übersetzung folgt der Lakonie des Originals, lobt Schneider.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.06.2021

Rezensent Thomas Steinfeld ahnt die Hintergründe der Sachlichkeit in diesem Text von J. J. Voskuil, einem "Abkömmling" des "Büro"-Siebenteilers mit dem bereits bekanntem Personal. Die Geschichte der Demenz der Mutter der "Büro"-Helden-Gattin Nicolien von den 50ern bis in die 80er erzählt der Autor laut Steinfeld undramatisch Stück für Stück, konzentriert auf die kleinen Veränderungen im Leben der Mutter. Dass es "keinen gemeinsamen Gefühlsraum" gibt zwischen Autor, Story und Leser heißt für Steinfeld nicht, dass der Schmerz und die Verzweiflung in der Geschichte keinen Platz haben.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 27.03.2021

Rezensentin Sabine Peters hat dieses Spin-off von J. J. Voskuils Kultserie "Das Büro" gern gelesen. Ihr zufolge beschreibt der Autor darin mit kargem Wortschatz, wie die Schwiegermutter des Helden seiner bekannten Romanreihe an Demenz erkrankt und wie Maarten, seine Frau und die Betroffene selbst damit umgehen. Die Kritikerin bekam so gut wie keinen Einblick in das Innere der Figuren, Voskuil beschreibt die Oberfläche ihr zufolge aber so genau, dass es zu einer "Tiefenbohrung zwischen den Zeilen" wird, die sie sehr berührt hat.

Beliebte Bücher

Heike Geißler. Michaela Kohlhaas - Roman . Suhrkamp Verlag, Berlin, 2026.Heike Geißler: Michaela Kohlhaas
"Das Rechtgefühl machte ihn zum Räuber und Mörder." So erzählt es Heinrich von Kleist in seiner gleichnamigen Novelle über den Pferdehändler Michael Kohlhaas, der nach erlittenem…
Robert Seethaler. Die Straße - Roman . Claassen Verlag, Berlin, 2026.Robert Seethaler: Die Straße
Die Straße ist nicht im Zentrum der Stadt und nicht an ihrem Rand. Versteckt liegt sie irgendwo dazwischen. Kein Besucher würde sich dorthin verirren, und doch passiert in…
Petra Morsbach. Orion - Roman . Penguin Verlag, München, 2026.Petra Morsbach: Orion
Nora lernt bei einem Studentenjob ihren späteren Mann kennen, einen Archivar. Sie wird Lehrerin für Deutsch und Geschichte in einem oberbayerischen Gymnasium, zieht einen…
Karl Ove Knausgard. Arendal - Roman. Luchterhand Literaturverlag, München, 2026.Karl Ove Knausgard: Arendal
Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Wo ist dein Platz im Leben? Wohin gehörst du? Wo liegen deine wahren Gefühle?Wir schreiben das Jahr 1976. Syvert Løyning ist nach einer…