Jutta Wietog

Volkszählungen unter dem Nationalsozialismus

Eine Dokumentation zur Bevölkerungsstatistik im Dritten Reich
Duncker und Humblot Verlag, Berlin 2001
ISBN 9783428103843
Gebunden, 301 Seiten, 75,67 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Wolfram Fischer. Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit der amtlichen Bevölkerungsstatistik mit den Machthabern des Dritten Reiches besonders hinsichtlich der Volkszählungen 1933 und 1939? Wie unterschieden sich diese Zählungen untereinander sowie von dem 1925er Zensus? Diese Fragen bilden den Ausgangspunkt der vorliegenden Untersuchung. Anhand einer gründlichen Quellenrecherche in deutschen Archiven wird auch der immer wiederkehrenden Behauptung nachgegangen, aus den Daten der mit der Volkszählung 1939 verbundenen Sonderaufnahme der Juden sei eine reichsweite Judenkartei angelegt worden, die als Grundlage für die Deportationen ab 1940/41 gedient habe. Auch wenn sich diese Behauptung als falsch erwiesen hat und sich eine derartige Verstrickung der amtlichen Bevölkerungsstatistik in den Holocaust nicht nachweisen lässt, so zeigt die Untersuchung doch, daß sich die statistischen Ämter den Anforderungen der nationalsozialistischen Machthaber nicht entziehen konnten und zum Teil selbst den Anpassungsprozess vorantrieben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2001

Sehr aufschlussreich und differenziert findet Bernd Jürgen Wendt diesen Überblick von Jutta Wietog über die Arbeit des Statistischen Reichsamts in der Nazizeit. Die Autorin knüpft mit ihrer Studie an eine Thematik an, die Götz Aly und Karl-Hein Roth in ihrem "aufsehenerregenden Buch" ("Die restlose Erfassung. Volkszählen, Identifizieren, Aussondern im Nationalsozialismus") von 1984 erstmals aufgegriffen hatten, nämlich die der Rolle der statistischen Ämter bei der NS-Vernichtungspolitik, erklärt Wendt. Wietog vergleiche in dieser vom Statistischen Bundesamt in Auftrag gegebenen Studie die Volkszählungen von 1925 und 1933 mit der von 1939. Dabei kommt sie zu einer sehr differenzierten Einschätzung der Arbeit der damaligen statistischen Ämter, lobt der Rezensent: Einerseits lege sie offen, dass die Ämter sehr bereitwillig mit den Nazis kooperierten und durch die Einführung der Abstammungskarte auch deren Rassenpolitik mittrugen, andererseits relativiere sie - im Widerspruch zu Forschungsergebnisse von Aly und Roth - die konkrete Mitarbeit der Ämter an der Deportation der Juden. Das lag vor allem daran, dass die Ergebnisse der Volkszählung 1941 noch nicht für "außerstatistische Zwecke zur Verfügung" standen. Vor diesem Hintergrund vermisst Wendt an dem Buch, dass die Autorin nicht der Frage nachgeht, inwiefern die Abstammungskarten für den Umgang mit den jüdischen 'Mischlingen' nach 1941 genutzt wurden.
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