Der Schlächter
Roman

Karl Blessing Verlag, München 2025
ISBN
9783896677686
Gebunden, 448 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Pennsylvania, Anfang des 19. Jahrhunderts. Dr. Silas Weir ist ein junger Arzt aus gutem Hause, doch ohne Charisma und Talent. Beim Anblick von Blut wird er ohnmächtig, Frauenkörper stoßen ihn ab. Um seinen strengen Vater zu beeindrucken, versucht er, auf unorthodoxe Weise als Chirurg voranzukommen, was ihn gesellschaftlich isoliert. Dann wird er durch eine Aneinanderreihung von Zufällen Direktor der Staatlichen Heilanstalt für weibliche Geisteskranke in New Jersey. Hier beginnt Weir, vorgeblich im Dienste des medizinischen Fortschritts, Experimente an den meist schwarzen und irischen Insassinnen durchzuführen. Bald gilt er als führender, wenn auch berüchtigter Experte für Gynäkologie und Psychiatrie. Bis eine junge Dienstmagd zu seiner Obsession, seinem wichtigsten Versuchsobjekt und schließlich zu seinem Verhängnis wird.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (
Info)
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.06.2025
Rezensentin Antea Obinja zeigt sich tief beeindruckt von Joyce Carol Oates' feministischer Neuinterpretation der amerikanischen Medizingeschichte. In "Der Schlächter" entsteht das zwiespältige Porträt des Arztes Silas Weir - kein Sadist, aber "autoritätshörig" und unfähig, seine Zeit und das, was in ihr normal zu sein scheint, zu hinterfragen, lesen wir. Die Schrecken, die er im Namen der Wissenschaft verübt, sind real: Oates verbindet dokumentierte medizinische Gewalt an versklavten Frauen mit literarischer Gestaltungskraft, so Obinja. Weirs "angeekelter Blick" auf den weiblichen Körper, seine Experimente ohne Betäubung und die "Hölle" der Klinik in Trenton sind für die Rezensentin nur schwer zu ertragen. Die Handlung, angelegt als postume Autobiografie, wird durch Berichte dreier Frauen ergänzt. Besonders die Figur der Birgit, inspiriert von der realen Person Anarcha, die 30 Operationen über sich ergehen lassen musste, stehe für das Leiden und den Mut der Betroffenen. Oates gelinge es, so Obinja, den "Stummen" eine Stimme zu geben.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 12.05.2025
Ein "feministischen (Horror-)Roman" über die Anfänge der Gynäkologie bekommt Rezensentin Sylvia Staude von Joyce Carol Oates vorgelegt. Oates verschmilzt im Buch den amerikanischen Arzt J. Marion Sims und den "Vater der Nervenheilkunde" Silas Weir Mitchell zu einer Figur. Zwar gelangen Sims einige Fortschritte in der Gynäkologie, diese waren jedoch auf seine erbarmungslosen Experimente an Sklavinnen zurückzuführen, so Staude, und auch Mitchell sowie der Psychologe Henry Cotton, dessen fürchterliches Wirken auch in die Handlung miteinfließt, schreckten vor kaum einer Grausamkeit zurück, so Staude. Das Buch setzt sich nun zusammen aus Silas Aloysius Weirs fiktiver "Chronik eines Arztlebens" und den Erinnerungen zweier Frauen an ihn. Dieser Weir ist kein abgrundtiefes Scheusal, so die Kritikerin, sondern ein "unsicherer, autoritätshöriger Mensch", der die frauenverachtenden Praktiken der Zeit nicht hinterfragt, und nach dem (mysteriösen) Tod seines Vaters die Leitung einer Nervenheilanstalt übernimmt. Oates schont die Leserschaft nicht, wenn sie auf drastische Weise Amputationen, Gestank, Gewalt und die vielfältigen Formen des psychologischen Missbrauchs schildert, denen sich die überwiegend schwarzen und irischen Frauen in den Anstalten ausgesetzt sahen und denen Oates hier ein Denkmal setzt. Nichts für schwache Nerven, so Staude, und das Schlimme ist, dass Oates ja gar nichts dazuerfinden musste, um diese Drastik zu erreichen.