Heinz Schott, Rainer Tölle

Geschichte der Psychiatrie

Krankheitslehren, Irrwege, Behandlungsformen
Cover: Geschichte der Psychiatrie
C. H. Beck Verlag, München 2005
ISBN 9783406535550
Gebunden, 688 Seiten, 39,90 EUR

Klappentext

Die heutigen Lehrbücher der Psychiatrie gehen nicht mehr auf die Geschichte des Faches ein. Umgekehrt blenden historische Darstellungen der Psychiatrie den aktuellen Stand der Disziplin aus. Dabei ist der Bedarf an einer Zusammenführung beider Aspekte stärker als je zuvor: Viele der intern und öffentlich geführten Kontroversen um die Psychiatrie lassen sich nur mit der nötigen historischen Tiefenschärfe angemessen verstehen und klären. Das vorliegende Werk, hervorgegangen aus der langjährigen Zusammenarbeit eines Medizinhistorikers und eines Psychiaters, ist eine systematische, an den theoretischen Konzepten und praktischen Problemen orientierte Geschichte der Psychiatrie von den Anfängen bis zur Gegenwart.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 16.05.2006

Mit ihrem "wichtigen Überblick" zur Psychiatriegeschichte haben Heinz Schott und Rainer Tölle auf gelungenen Weise eine Forschungslücke gefüllt, lobt Florian Steger. Besonders gefällt dem Rezensenten, wie sich der Theoretiker Schott und der Praktiker Tölle in bester interdisziplinärer Manier die Bälle zuspielen. In dem "weiten Bogen", den die Autoren in ihrer Darstellung spannen, fehlt Steger nicht viel. Nur die Patientenperspektive hätte er sich gerne etwas prominenter platziert gewünscht, allerdings sei das wohl kein Fehler der Urheber, sondern ein Resultat der spärlichen Studien, die es zu diesem Thema bisher gibt. Als dicke Pluspunkte des Werks vermerkt Steger den Rekurs auf die "Irrwege" der Psychiatrie etwa im Nationalsozialismus und die Präsentation bedeutender psychischer Störungen in eigenen Kapiteln.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.03.2006

Erst ärgerlich, dann melancholisch wird Robert Jütte angesichts dieser "Geschichte der Psychiatrie" von Heinz Schott und Rainer Tölle. Die Autoren haben trotz ihrer Ankündigung eines "hermeneutischen Zugangs" zum Thema lediglich "alten Wein in neue Schläuche" gegossen, schimpft der Rezensent. Er zeigt sich ziemlich aufgebracht von den vielen sachlich falschen Angaben des Buches, doch mehr noch ärgert er sich über "veraltete Sichtweisen" und eine "fast unglaublich erscheinende Ignoranz" gegenüber der neueren Forschung. Dass die Darstellung schließlich auch noch die "notwendige Quellenkritik" vermissen lässt, etwa wenn Reiseberichte der Aufklärung zitiert werden, die von furchtbaren Zuständen in einzelnen Anstalten erzählen, bringt Jütte zusätzlich auf. Auch der Blick auf die Geschichte der Psychiatrie der letzten 200 Jahre kommt beim Rezensenten nicht besser weg, hier sieht er weiter "Zerrbilder" und "Fehleinschätzungen" vorherrschen, etwa wenn die Autoren die Schweiz als "sicheren Zufluchtsort" für psychisch Kranke während des Nationalsozialismus preisen. Die "wichtigsten neueren Arbeiten zu den Kriegsneurosen" haben Schott und Tölle genauso "ignoriert" wie die neuere Forschung zur Geschichte der "forensischen Psychiatrie", so Jütte fassungslos, der nicht verstehen kann, wie der Verlag dieses "fehlerhafte Buch durchwinken" konnte.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.03.2006

Diese Geschichte der Psychiatrie sei auch eine Therapie des wissenschaftlich-psychiatrischen Weltbildes, lobt Rezensent Ludger Lütkehaus. Während andere Psychiatriegeschichten einen reinen Positivismus zugleich darstellten und propagierten, ergänzten die Autoren die "erklärende" Wissenschaft durch eine hermeneutisch "verstehende". Der "Wissenschaftsbegriff" selbst werde hinterfragt und mit ihm das "Menschenbild". Auf diese Weise erhielten solch "produktive Querköpfe" wie der schwäbische Arzt, Dichter und Okkultist Justinus Kerner wieder ihren angemessen Platz einer Geschichte der Psychiatrie, die "kulturhistorische Zusammenhänge" einbeziehe. Kerner, referiert der Rezensent, habe nicht nur Hölderin betreut, er habe mit Gruppen- und Familientherapie bereits auf eine Weise gearbeitet, wie sie erst in den 1960er Jahren wieder entdeckt worden sei. Aber auch sich selbst hätten die Autoren, meint der Rezensent, eine Therapie verordnet, wenn sie innerhalb einer eigentlich chronologisch-hierarchischen Geschichtsdarstellung mit "thematischen Querschnitten" arbeiteten.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.01.2006

Als "gelehrtes und aktuelles Standardwerk" würdigt Wolfgang U. Eckart diese "Geschichte der Psychiatrie", die der Medizinhistoriker Heinz Schott und der Psychiater Rainer Tölle vorgelegt haben. Ihre "geradezu enzyklopädische Gesamtdarstellung" der Psychiatriegeschichte von der Dämonologie bis in die Gegenwart hat Eckart rundum überzeugt. Sie biete "sicheres, wohlgeordnetes Wissen" und weise "brillant" den Weg. Die Autoren stellten die Krankheitslehren, Wege und Irrwege sowie Behandlungsarten des Faches "systematisch und höchst informativ" dar. Eckart betont, dass viele der intern und öffentlich geführten Kontroversen um die Psychiatrie heute nur im Kontext der historischen Perspektiven angemessen verstanden werden können. Auch im Blick darauf kann Eckart diese Psychiatriegeschichte allen empfehlen, die sich grundlegend über das Thema informieren wollen.
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