Joshua Sobol

Schweigen

Roman
Cover: Schweigen
Luchterhand Literaturverlag, München 2001
ISBN 9783630870953
Gebunden, 352 Seiten, 22,50 EUR

Klappentext

Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Der namenlose Erzähler dieses Romans ist achtzig, als er sein Leben an sich vorbeiziehen läßt, und in all den Jahren hat er kein einziges Wort gesprochen. Vielleicht hat es ihm am Tag seiner Beschneidung die Sprache verschlagen, vielleicht ist er wirklich stumm, wir wissen es nicht. Die Ärzte, zu denen ihn seine Eltern schleppten, konnten jedenfalls keine körperliche Ursache feststellen. Klar ist, daß es ein besonderer Tag war, nicht nur wegen des als brutal empfundenen Rituals, sondern weil am selben Tag der Zweite Weltkrieg ausbrach...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 25.04.2002

Carsten Hueck stellt den israelischen Autor, der als Dramatiker internationale Anerkennung gewann und der nun seinen ersten Roman vorlegt, als "leidenschaftlichen Tabubrecher" vor. Indem der Protagonist des Buches, der sein ganzes Leben geschwiegen hat und dadurch vor allem Beobachter ist, aus dem Leben im Israel des 20. Jahrhundert erzählt, entwirft der Autor das "komplexe Bild der jüdischen Gemeinschaft in Palästina", meint der Rezensent zustimmend. Dabei räume er mit Gründungsmythen auf und betreibe ungerührt die "Demontage einer Erfolgsstory", so Hueck, der in dem Buch wegen der Einheit von Form und Inhalt, wo weder Chronologie noch Logik zwingend vorgeschrieben ist, Charakteristika "talmudischen Schreibens" erkennt. Die Aufzeichnungen des Protagonisten geraten sowohl zum "Fest der Erinnerung" wie auch zum "ausufernden, säkularen Trauerkaddisch", wobei sich das Buch zum "Abgesang auf die Gründergeneration Israels" entwickelt, so der Rezensent beeindruckt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.04.2002

Rezensentin Kristina Maidt-Zinke zeigt sich recht angetan von Joshua Sobols Roman "Schweigen". In der ebenso bunten wie skurrilen Lebensgeschichte eines Ich-Erzählers, der im Säuglingsalter beschließt, lebenslang zu schweigen, findet die Rezensentin zugleich die Geschichte Israels im zwanzigsten Jahrhundert in Form einer Familiensaga, einer Dorfchronik, eines Anekdotenreigens, in dem sich Politisches und Privates vermischen, in einer "ruhe- und atemlosen Erinnerungs-Suada" erzählt. Der Ich-Erzähler übergieße den Leser mit einem Redestrom, der den Titel ad absurdum führe und rasch offenbare, dass dieses "Schweigen" nur ein Konstrukt sei, erklärt die Rezensentin. Dass sich der Autor nach Einschätzung der Rezensentin besser auf "schnell skizzierte Szenen" versteht als auf "epischen Atem und Zusammenhalt" schmälert den Rang des Buches für die Rezensentin nicht. Ein großes Lob spendet sie auch dem Übersetzter Markus Lemke für seine "hervorragende Arbeit".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.01.2002

Joachim Schlör wirkt angesichts dieses Romandebüts des israelischen Dramatikers ziemlich ratlos. Erst hat er große Mühe, die Hermetik dieses Buches, in dem ein sich der Sprache verweigerndes Kind in Israel zur Zeit des 2. Weltkriegs die Hauptrolle spielt, aufzubrechen und sich einzulesen. Er begegnet einem Text, der so voller "Wiederholungen, Kehrtwendungen, Zeitsprüngen" ist, dass er Mühe hat, den Faden nicht zu verlieren. Dann aber erfasst ihn in einer "Marathonsitzung" eine "merkwürdige Euphorie" und nun kann er gar nicht mehr aufhören zu lesen. Doch am Ende, so der Rezensent enttäuscht, ist dann auch wieder "fast alles vergessen", und er kann sich nur überrascht fragen: "Was war das?".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.12.2001

Marta Kijowska gerät in ihrer Besprechung des Erstlingsromans des Dramatikers Sobol ganz aus dem Häuschen vor lauter Begeisterung. Die Beobachtungen des Schweigenden enthalten "atemberaubende" Gedankenspiele, die "sprachlich fulminant" dargeboten werden, rühmt sie. Zudem birgt der Roman einen weiteren Reiz durch seine Mischung aus Privatem und Geschichtlichem, Fröhlichem und Traurigem, wovon durch die großartige Übersetzung Markus Lemkes auch im Deutschen nichts verloren gehe, so die Rezensentin. Dieses Werk zeigt, so ihr Resümee, dass das Fehlen von Sprache nicht notwendigerweise ein Manko sein muss, sondern durchaus als "oft um vieles reichere Existenzform" angesehen werden kann.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.12.2001

62 Jahre ist der israelische Autor Joshua Sobol und als Dramatiker berühmt, wenngleich man ihm in Israel Nestbeschmutzung vorwerfe, denn in seinen Stücken weise er immer wieder auf die Unterdrückung der Palästinenser hin, berichtet Jürgen Berger. Nun hat er seinen ersten Roman vorgelegt, eigentlich ein "Melodram in drei Akten", so der Rezensent, in dem ein Erzähler, der sich selbst zum Stummsein verdammt hat, die Geschichte seines Dorfes festhält. Die ist "leise und fein gestrickt", in "rasanten Zeitsprüngen" berichtet und hat sich Berger in ihrer Eindringlichkeit ins Gedächtnis gegraben.

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