Jean-Baptiste Del Amo

Tierreich

Roman
Cover: Tierreich
Matthes und Seitz Berlin, Berlin 2019
ISBN 9783957576866
Gebunden, 440 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Karin Uttendörfer. Während Europa von Kriegen und Umwälzungen erschüttert wird, kämpft eine Familie von Schweinezüchtern um ihr Fortbestehen - und nutzt die in immer größerem Maßstab stattfindende Ausbeutung des Rohstoffs Tier, um sich in unsere heutige, hochindustrialisierte Welt hinüberzuretten. Éléonore, Kind eines kranken Vaters und einer lieblosen Mutter, erbt Anfang des 20. Jahrhunderts von ihren Vorfahren Schweine und die Gewissheit, dass Gewalt gegen Mensch und Tier zum Leben dazugehört. Mit Disziplin und unbändiger Härte gegen sich selbst allen Schicksalsschlägen trotzend, hält sie den landwirtschaftlichen Betrieb aufrecht und versteht es, ihn über die Jahrzehnte hinweg zu vergrößern und später ihrem Sohn Henri zu übergeben. Achtzigjährig erlebt die erschöpfte Matriarchin schließlich, wie dieser mit ihren Enkeln Serge und Joël den familiären Zuchtbetrieb zu einer gigantischen, die Ressource Tier grausam ausbeutenden Tierfabrik ausbauen. Das anonymisierte Elend der Schweine spiegelt nicht nur den Wahnsinn dessen, was die Menschheit unter Fortschritt versteht, sondern wirft auch die Frage auf: Wer sind die eigentlichen Bestien?

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 22.03.2019

Was ein "Leben im Einklang mit der Natur" tatsächlich bedeuten könnte, erzählt Jean-Baptiste Del Amo in seinem düsteren Roman über eine Bauernfamilie, die 100 Jahre lang am äußersten Rande der Existenz und des erträglichen Elends auf dem Land lebt. In dieser Welt, erklärt Rezensent Dirk Fuhrig, spielt Bildung kaum eine Rolle. Man wird geboren, man schuftet, man kriegt Kinder, man leidet, man kämpft und das wars. Kurz: Man folgt den menschlichen und traditionell überlieferten Instinkten - genau wie die Tiere, die man hütet, züchtet, ausbeutet und vor denen man sich doch so ekelt. Einen "Abgesang auf die gnadenlose Welt" nennt Fuhrig diesen Roman, der damit alles andere als eine leichte Lektüre bietet. Die Sprache ist drastisch, explizit, mächtig, sodass das in ihr transportierte Leid den Leser mit voller Wucht trifft. Ein ebenso niederschmetterndes wie faszinierendes Buch, so der beeindruckte Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.03.2019

Wie der Mensch sich das Tier zum Untertan gemacht hat und was das mit beiden anstellte, lernt Rezensent Roman Bucheli aus diesem Roman von Jean-Baptiste Del Amo. Das Wunderbare an dem Buch besteht für den Rezensenten allerdings darin, dass es kein Sachbuch ist, sondern mit den Mitteln der Literatur, mit Erzählungen und wuchtigen Bildern, Andeutungen und bewusst unbeantworteten Fragen arbeitet und dies laut Rezensent meisterhaft. Über den im Buch behandelten Ausschnitt der Geschichte der Unterwerfung, die das Verhältnis zwischen Mensch und Tier kennzeichnet, das 20. Jahrhundert, liest Bucheli mitunter mit einigem Grauen. Die Eindringlichkeit, mit der Del Amo die existenzielle Bedrohung des Menschen schildert, die ihn das Tier unterjochen lässt, scheint Bucheli außergewöhnlich.