Josephine Quinn

Der Westen

Eine Erfindung der globalen Welt. 4000 Jahre Geschichte
Cover: Der Westen
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2025
ISBN 9783608964707
Gebunden, 688 Seiten, 38,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von: Andreas Thomsen und Norbert Juraschitz. Unsere Sicht auf die Geschichte besagt, dass der Westen auf den Errungenschaften und Werten des antiken Griechenlands und Roms aufgebaut ist, die während des Mittelalters aus Europa verschwanden und dann in der Renaissance wiederentdeckt wurden. Aber was, wenn das nicht stimmt? Von der Bronzezeit bis zum Zeitalter der Entdeckungen enthüllt die Autorin eine neue Erzählung: eine, die die Jahrtausende globaler Begegnungen und Austauschs nachzeichnet, die das formten, was heute als der Westen bezeichnet wird, während sich Gesellschaften trafen, verstrickten und auseinanderwuchsen. Von der Schaffung des Alphabets durch levantinische Arbeiter in Ägypten bis zur Ankunft indischer Zahlen in Europa über die arabische Welt, zeigt Quinn, dass das Verständnis von Gesellschaften in Isolation falsch ist. Es sind Kontakte und Verbindungen, die den historischen Wandel vorantreiben. Menschen, nicht Völker machen die Geschichte.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 26.02.2026

Für die Historikerin Josephine Quinn gibt es "den Westen" nicht: Europa ist fragmentiert, spannungsreich und hat vieles aus anderen Kulturen übernommen, lernt Rezensent Ingo Arend aus Quinns detailreicher, gut recherchierter Globalgeschichte. Das Recht komme beispielsweise aus Mesopotamien, das Alphabet aus der Levante. Spannend findet Arend auch, wie die Autorin historische Exkurse etwa zum Einsatz von Elefanten als Kriegswaffe einbaut. Weniger gut gefällt ihm, dass Quinn zwar für Europa der Idee von homogenen Kulturen widerspricht, diese allerdings bei anderen Kulturen verficht, und ihr Streifzug zudem mit Columbus aufhört. Immerhin, notiert der Kritiker zum Schluss: Wenn es "den Westen" nicht gibt, dann ist auch das Raunen über seinen Zusammenbruch von Trump und Co. sinnlos.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.10.2025

Die britische Althistorikerin kritisiert in ihrem Buch, dass die Geschichte des Westens oft auf Athen und Rom reduziert wird, erklärt Rezensent Clemens Klünemann: Diese Fixierung auf zwei "Kultur-Fixsterne" führe zu einem exklusiven, "kulturalistischen Denken", das alles Fremde ausschließt. Quinn schlägt vor, die Perspektive zu wechseln: Was wäre, wenn man die Perserkriege einmal nicht aus Sicht von Athen und Sparta, sondern der des persischen Großkönigs sehen würde? Diese Umkehrungen sind "effektvoll", meint Klünemann und führen dank Quinn zu einer Betrachtung der Widersprüche und blinden Flecken in der westlichen Geschichtsschreibung. Sie kritisiert, dass die heutige Einteilung in Kulturkreise zu einer so gängigen Praxis geworden ist, dass sie wie felsenfeste Wahrheiten daherkommen - diese Kritik ist berechtigt, aber nicht ganz neu, meint der Kritiker. Die Autorin plädiert für eine stärkere Beachtung der Prägung durch anderer Kulturen wie Kleinasien, Ägypten, Persien oder des Fernen Ostens - fair enough, meint der Kritiker, allerdings ist ihm das manchmal ein wenig zu polemisch geschrieben. Außerdem lässt die Autorin eine Errungenschaft des Westens unter den Tisch fallen: die Trennung zwischen religiöser und politischer Sphäre - einen kompetenten "Überblick über die Geschichte der antiken Mittelmeerkulturen" liefert sie dennoch, so der Kritiker. 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 29.09.2025

Ein insgesamt starkes, wenn auch nicht in allen Punkten überzeugendes Buch ist diese Arbeit von Josephine Quinn, urteilt Rezensent Martin Huber. Die Althistorikerin möchte die Idee eines einheitlichen Westens dekonstruieren und sie wendet sich zu diesem Zweck der Antike zu. Hubert fasst zusammen, was sie dabei aufzeigt: die vermeintlichen Ursprungsgesellschaften des Westens in Griechenland und Rom waren durch Handelsbeziehungen stets eingebunden in ein breites Netzwerk, das insbesondere in den Nahen Osten und nach Afrika führte, die griechische Demokratie etwa hat viele Vorläufer in diesen Regionen, die römische Wirtschaftsmacht wiederum basierte auf vielfältigen Kontakten zu Afrika. Identitätsdenken gab es damals höchstens gelegentlich und selbst da, wo es auftauchte, ging es nicht um die Behauptung fundamentaler Unterschiede zwischen Menschen. Das kann Hubert alles gut nachvollziehen. Allerdings, wendet er ein, denkt Quinn Geschichte nur von Kontakten zwischen einzelnen Menschen her und übersieht dabei die Rolle, die kollektive Strukturen auch bei der Etablierung eines Begriffs des Westens, wie wir ihn seit dem 19. Jahrhundert kennen, gespielt haben. Insofern kann Quinn, glaubt Hubert, den Westen nicht gar so gründlich dekonstruieren, wie sie selbst es glaubt. Dennoch ist ihr Buch, so das Fazit, definitiv lesenswert.

Buch in der Debatte

9punkt 23.12.2025
Ob links oder rechts, es scheint jedenfalls so etwas wie eine Sehnsucht des Westens nach Selbstabschaffung zu grassieren. Sehr schön zeigt das Jannis Koltermann im Aufmacher des FAZ-Feuilletons, wo er sich Josephine Quinns viel gefeierter monumentale Abhandlung "Der Westen - Eine Erfindung der globalen Welt" vornimmt. Die sehr renommierte Cambridger Althistorikerin möchte darin zeigen, dass der Westen im Grunde nur eine "Adaption von Altbekanntem" sei, so Koltermann. Doch ihre Erkenntnis, dass der Westen sich an anderen Kulturen inspiriert, greift nicht weit genug, wie Koltermann an einem Beispiel zeigt: "Über die griechische Kunst etwa bemerkt Quinn lediglich, dass die archaischen Kouroi, frühe, noch etwas steife Statuen bartloser Jünglinge, an ägyptische Bildhauertraditionen angeknüpft hätten - und geht nicht auf die weitere Entwicklung hin zu lebensnahen Bildnissen ein, die für die Kunstgeschichte noch entscheidender ist, aber eben nicht einfach auf den Kontakt mit fremden Kulturen zurückgeführt werden kann." Unser Resümee

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