Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer. Nachwort von Lore Ditzen. Der vorliegende Essay über Proust entstand im Winter 1940/41 im sowjetischen Kriegsgefangenenlager Grjasowez.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 17.03.2007
Einigermaßen beeindruckt hat Rezensent Felix Philipp Ingold die Vorträge des polnisch-französischen Malers und Publizisten Joseph Czapski über Prousts berühmten Roman über die Suche nach der verlorenen Zeit gelesen, die während seiner Internierung im sowjetischen Straflager Grjasowez entstanden sind. Czapski habe zu einer Gruppe von inhaftierten Intellektuellen und Künstlern gehört, berichtet Ingold, die in einem intellektuellen Zirkel versucht hätten, dem Schrecken mit Kulturproduktion zu begegnen. Das Proust-Buch, Ingolds Informationen zufolge in einem russischen Schulheft auf Polnisch konzipiert und mit Buntstiften schematisch aufgezeichnet, ist vor zwanzig Jahren zuerst im Original publiziert worden. Zwar erfahre man wenig Neues über Proust, schreibt der Rezensent, dafür aber viel über die rettende Kraft, die Kultur dem Schrecken abzuringen verstehe. Beeindruckt ist er auch von der Gedächtnisleistung Czapskis, der ohne Referenzbibliothek habe auskommen müssen. Besonders die Dialektik, die aus Prousts Detailschärfe bei der Beschreibung von Interieurs und Landschaften und ihrer Rekonstruktion durch das Gedächtnis Czapskis entsteht, fasziniert ihn sehr. Aber auch die "unangestrengte Treffsicherheit" bei seinen Abschweifungen zu anderen Autoren.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 06.12.2006
Die unglaublichen Umstände, unter denen diese Vorträge in einem sibirischen Kriegsgefangenenlager entstanden sind, beeindrucken Ina Hartwig ebenso wie die "prickelnde Entschiedenheit", mit der Joseph Czapski rein aus dem Gedächtnis Proust und dessen "Suche nach der verlorenen Zeit" analysiert. Czapski verteidige Proust gegen seine Kritiker, die ihm Snobismus und in Gestalt von Walter Benjamin "Mikroskopismus" vorwerfen. Vielmehr betone Czapski - und da kann Hartwig nur entschieden zustimmen - den "Scharfsinn und die Nüchternheit" des französischen Autors. Nur mit etwaigen Zensurauflagen kann sich Hartwig aber Czapskis Vernachlässigung des bei Proust doch gewichtigen Themas Antisemitismus erklären. Mit dem Vortrag und der "feinen, klaren, unprätentiösen Sprache" dagegen ist sie vollauf zufrieden.
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