Jörg Aufenanger

Das Lachen der Verzweiflung

Grabbe. Ein Leben
Cover: Das Lachen der Verzweiflung
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2001
ISBN 9783100001207
Gebunden, 288 Seiten, 33,18 EUR

Klappentext

Christian Dietrich Grabbe (1801 - 1836) ist die wohl tragischste Figur der deutschen Literatur und des deutschen Theaters. Von früher Kindheit an faszinierte Grabbe die Bühne, doch seine Liebe zum Theater blieb unerwidert. Weder als Schauspieler noch als Dichter fand er zu Lebzeiten die ersehnte Anerkennung. So tragisch Grabbes Leben gewesen ist, er hat der Literatur viel gegeben: Dieser Dichter wollte das Theater revolutionieren, doch erst nach seinem Tod wurde er als Vorläufer des modernen Theaters entdeckt. Jörg Aufenanger erzählt das Leben, Schreiben und Scheitern Grabbes in einer behutsamen Annäherung an den Menschen und sein Werk.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 13.12.2001

Enttäuscht muss Petra Kohse feststellen, dass diese "Biografie zum Grabbe-Jahr" sich aus verfänglichen Fragen lieber heraushält. Was unsre Rezensentin stattdessen geboten bekommen hat zwischen den Buchdeckeln - Grabbes äußeren Lebensweg, wechselnde Befindlichkeiten, das Tagtägliche -, haut sie nicht um: Nicht grad die Art von Leben, die man glamourös nennen würde, schreibt sie. Und das ist wohl wahr: Kindheit in Detmold, Studentenleben, Jurisprudenz, Ehe, früher Tod. "Da lässt sich nicht viel erzählen." Versucht der Autor dafür, "durch poetisierendes Mitleiden im Atmosphärischen zu punkten", entlockt das der Rezensentin nur ein mildes Gähnen. Kommt er ihr mit Zahlenhuberei und Redundanz, provoziert das wohl - tatsächlich - etwas wie ein Lachen der Verzweiflung.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.12.2001

Die große, kritische und längst fällige Grabbe-Biografie hat Jörg Augenanger nicht geschrieben, stellt Matthias Richter etwas enttäuscht fest. Vielmehr hat Aufenanger das sorgsam von Alfred Bergmann zusammengetragene biografische Material intelligent kompiliert und mit einer kleinen Werkübersicht kombiniert: durchaus flüssig geschrieben, so Richter, aber mit zuviel Empathie und Pathos. Zugegeben, meint Richter, es sei auch schwierig, dieser Falle eines jeden Biografen in diesem besonderen Fall zu entgehen, da Grabbes kurzes Leben von vornherein einer gewissen (durchaus auch selbstverschuldeten) Tragik verhaftet war. Doch Grabbe war zwar ein versoffenes und verkommenes, aber keineswegs ein verkanntes Genie, urteilt Richter. Zwar halte sich Aufenanger mit Psychologisierungen zurück, was der Rezensent ihm schon hoch anrechnet, dennoch läuft für Richter die korrekte, aber sympathiegetränkte Sichtweise des Autors Gefahr, unterschwellig Schuldzuweisungen an andere zu verteilen. Auch mehr Offenheit für außerhalb der Persönlichkeit liegende Aspekte hätte sich der Kritiker gewünscht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.12.2001

Holger Gumprecht erinnert an den heute vor 200 Jahren geborenen Christian Dietrich Grabbe und daran, dass dieser leider weitgehend vergessen sei. Umso glücklicher zeigt sich Gumprecht über eine Biografie, die sich "mit Sympathie und Leidenschaft" ihrem Helden nähert und diese Regungen auch auf den Leser zu übertragen vermag, "so dass man dieses schöne Buch ... als 'Einstiegsdroge' bezeichnen kann". So in den Sog "eines kurzen, faszinierenden Lebens" gezogen, kann der Rezensent dem Autor sogar den ein oder andren Fehler oder Widerspruch verzeihen. Etwa wenn dieser Grabbes Sonderheiten partout nicht auf dessen "Zuchthauskindheit" zurückgeführt sehen will, um ebendies nur einige Seiten später selbst zu tun.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 11.12.2001

Rezensent Ludger Lütkehaus zeigt sich zufrieden mit Aufenangers biografischen Bemühungen in Sachen Christian Dietrich Grabbe, der im übrigen am 11. Dezember vor 200 Jahren geboren wurde. Nur eine eingehendere Beschäftigung mit den Schriften und Stücken Grabbes vermisst der Rezensent, bei der Lebensbeschreibung hingegen verbindet Aufenanger seiner Ansicht nach geschickt "Empathie mit Klarsicht". So beeindruckt den Rezensenten, wie Aufenanger das gängige Vorurteil widerlegt, genialisch gescheiterte Menschen wie Grabbe müssten völlig herz- oder verständnislose Eltern besitzen. Im Gegenteil: Aufenanger zeichne ein geradezu "liebevolles Porträt" dieser Menschen, die bis zum Schluss zu ihrem Sohn gehalten haben. Die Auseinandersetzung mit Grabbe als Autor führt Lütkehaus am Ende mit sich selbst, da der Autor diesbezüglich offensichtlich nicht viel beizutragen wusste: nichts hätte Grabbe ferner gelegen als der Glaube ans Heroische. Zwar könnte man ihn nicht an Büchner messen, wohl aber sein pessimistisches Geschichtsbild mit demjenigen Büchners vergleichen, schreibt Lütkehaus.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 06.12.2001

Rolf-Bernhard Essig bespricht in einer Doppelrezension zwei Biografien deutscher Dramatiker, wobei ihm nur eine wirklich gefallen hat.
1. Willi Jasper: "Lessing. Aufklärer und Judenfreund"
Diese Biografie Lessings kann der Rezensent gar nicht genug loben, zumal zu seiner Überraschung die von ihm als Gegensatzpaar begriffene Frische und philologische Korrektheit sich in der Darstellung durchaus die Hand reichen. Er preist den "gewinnenden Stil" des Autors, der "eigene Forschungsergebnisse" aufzuweisen habe und bescheinigt dieser Lebensbeschreibung, sowohl auf der "Höhe der Zeit" zu sein, als auch ihrem Gegenstand völlig gerecht zu werden. Lediglich "Kleinigkeiten" wie den Titel und kleinere "Fehlurteile" kritisiert er, doch die können seiner Begeisterung keinen Abbruch tun.
2. Jörg Aufenanger: "Das Lachen der Verzweiflung. Grabbe. Ein Leben"
Weniger glücklich ist der Rezensent mit der Biografie Grabbes. Zwar äußert er Verständnis für die Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens, denn gesicherte Fakten zu Grabbes Leben sind rar. Er kann also nachvollziehen, dass Aufenanger auf "Spekulationen" angewiesen war, doch stört es ihn, dass der Autor sich allzu sehr von seinem Forschungsobjekt "einnehmen" lässt, was bis in die Sprache Aufenangers wirke. Ein bisschen weniger "Empathie" hätten dem Buch gut getan, meint der Rezensent, der insgesamt die "Einseitigkeit" und Parteilichkeit des Biografen beklagt.