Mit der Abschaffung seiner Standesvorrechte im Jahre 1919 verlor
der Adel die Reste des Einflusses, die ihm in Deutschland nach einem
langen und schleichenden ökonomischen Niedergang geblieben waren.
Dennoch steht gerade die Hocharistokratie auch heute noch im Rampenlicht
und füllt zuverlässig die Spalten der Klatschpresse.
Statt dem europäischen Adel nur mehr einen gewissen Unterhaltungswert
zuzubilligen, spräche manches dafür, ihn als eine Art genetisches Weltkulturerbe
zu betrachten: kostbar und bedroht. Denn aristokratische
Lebensform und höfische Etikette haben über ein Jahrtausend die
abendländischen Umgangsformen geprägt und ihre Spuren bis in unsere
Gegenwart hinterlassen.
Jens Jessen widmet sich in seinem Essay den schönen und staunenswerten
Überbleibseln einer Vormoderne, die unserer verbürgerlichten
Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten geeignet sind.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2018
Werner Paravicini kann die von Jens Jessen als Summe seines Buches formulierte Vorstellung, die Lebensweise des Adels könnte irgendwann eine alternative Weise des Seins bieten, auf die die Menschheit eines Tages angewiesen sein könnte, nicht teilen. Die "Verlustanzeige", die der Autor unter raffinierter Auslassung Bourdieus nostalgisch erstattet, ist laut Rezensent geprägt von Kenntnis des Gegenstands, seiner Strukturen und Mechanismen, von Anekdoten und Humor, auch wenn es eigentlich um eine "ernste Sache" geht, wie Paravicini feststellt.
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