Boleslaw Prus

Die Puppe

Roman
Cover: Die Puppe
Kampa Verlag, Zürich 2025
ISBN 9783311100485
Gebunden, 1232 Seiten, 48,00 EUR

Klappentext

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein. Stanislaw Wokulski hat es geschafft. Vermeintlich. Der aus einer verarmten Adelsfamilie stammende Kaufmann ist während des Russisch-Osmanischen Kriegs 1877/78 zu einem der wohlhabendsten Männer Warschaus aufgestiegen. Sein Vermögen soll einem höheren Zweck dienen: Wokulski ist unsterblich in Izabela Lecka verliebt, mit seinem Reichtum hofft er, den Standesunterschied zwischen sich und der kapriziösen Aristokratentochter wettzumachen. Doch die Angebetete hält ihn hin. Erst als der Parvenü immer einflussreicher wird, stimmt sie der Heirat zu. Als Wokulski merkt, dass sich Izabela trotzdem weiterhin Flirts hingibt, wirft er sich vor den Zug. Sein Selbstmordversuch misslingt, doch kurz darauf verlässt er Warschau …

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.05.2025

Ein Klassiker der polnischen Literatur liegt nun endlich in einer guten Übersetzung von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein vor, freut sich Rezensentin Marta Kijowska. Bolesław Prus' Buch ist in Polen schon lange ein zentraler Bestandteil der nationalen Literaturgeschichte, erläutert Kijowska, die allerdings nicht ganz glücklich zu sein scheint mit dem allzu akademischen Vorwort von Olga Tokarczuk. Worum aber geht es? Hauptfigur ist Stanisław Wokulski, ein Kaufmann, der in die adelige Izabela Łęcka verliebt ist, von ihr aber als Emporkömmling verachtet wird. Nach einigen Verwicklungen - der Roman spielt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts - gelingt Wokulski zwar der gesellschaftliche Aufstieg, und Łęcka beginnt, sich für ihn zu interessieren, aber glücklich macht ihn das am Ende nicht. Noch viele andere Handlungsstränge bearbeitet Prus auf den deutlich über tausend Seiten des Buches, erklärt die Rezensentin. So geht es etwa um ein Metall, das leichter sein soll als Luft oder um die polnische Denkergruppe der Positivisten. Zudem verdankt die Kritikerin Prus ein dichtes Bild des sozialen Lebens Warschaus. Von der düsteren Stimmung des Buches sollte sich niemand abschrecken lassen, warnt Kijowaska: Die Lektüre lohnt schon aufgrund des literarischen Formenreichtums, den Prus hier zelebriert, versichert sie.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 30.04.2025

Rezensent Jens Jessen betritt mit diesem Roman von Boleslaw Prus einen unbekannten neuen Kontinent auf der "literarischen Landkarte". In Polen ist der monumentale Roman seit seinem Erscheinen Ende des 19. Jahrhunderts immer ein Klassiker geblieben, die erste deutsche Übersetzung in der DDR ging hingegen unter. Umso dankbar ist der Kritiker, dass der Roman nun in exzellenter Übersetzung von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein vorliegt - und auch das deutsche Publikum diesen "unendlichen reichen, überwältigenden" Kontinent entdecken kann. Erzählt wird die Geschichte des reichen polnischen Kaufmanns Wokulski und der aus einer verarmten Adelsfamilie stammenden Izabela. Wokulski, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, umwirbt Izabela, nicht aus Liebe, sondern aus Sehnsucht nach Macht. Sie hält ihn hin, heiratet ihn schließlich doch, poussiert aber weiterhin mit Nebenbuhlern, resümiert Jessen. Allein diese Szenen, die Wokulski beobachtet und in deren Folge er sich vor einen Zug wirft (er überlebt und ist plötzlich von allen Illusionen erlöst), stehen in ihrer Virtuosität Flaubert, Stendhal oder Tolstoi in nichts nach, staunt der Kritiker. Aber der Roman besticht laut Jessen noch durch viel mehr, etwa die verschiedenen Lesarten, die er anbietet: Izabela, die titelgebende Puppe, erscheint etwa als in "adeldummer Angepasstheit" verharrende polnische Nation, während Wokulski in der Rolle des vergeblichen Aufklärers auftritt, erklärt der Rezensent. Zudem überzeugt der Roman auch durch "satirische Energie", freut sich der Kritiker, der hier nicht nur viel über das Polen der 1860er Jahre lernt, sondern auch noch einiges über den Autor und dessen Beziehung zu seiner Heimat im Nachwort von Olga Tokarczuk erfährt.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 31.03.2025

Dem "vibrierenden Warschau" des neunzehnten Jahrhunderts setzte der polnische Autor Bolesław Prus mit seinem über tausendseitigen Roman ein Denkmal, hält Rezensent Maximilian Mengeringhaus fest. Nur der Handlung wegen sollte man diesen Wälzer nicht lesen, rät der Kritiker, dafür passiert doch ein bisschen zu wenig. Faszinierend ist aber alles drumherum: Wie Prus das Lebensgefühl dieser Zeit, zwischen absteigendem Adel und aufsteigendem Bürgertum beschreibt, wie die gesellschaftlichen Veränderungen in rasendem Tempo über den Protagonisten des Romans Wokulski "hinwegrast" - das ist durchaus spannend, freut sich der Kritiker. Wokulski ist Galanteriewarenhändler und, wie gemunkelt wird, mit Spekulationsgeschäften während des Russisch-Osmanischen Kriegs reich geworden, erfahren wir. Jedenfalls ist er ein einflussreicher Mann und manch einem Adeligen hilft er aus der Geldnot, zum Beispiel dem "Pleitegeier" Łęcki. In dessen Tochter verliebt sich Wokulski dann unsterblich, doch der Standesunterschied kann nicht so einfach aus dem Weg geräumt werden, verrät der Kritiker. Diese Liebesgeschichte zieht sich etwas, doch unter anderem durch die eingeschobenen Notate von Wokulskis Gehilfen Ignacy Rzecki, einem "glühenden Bonapartisten" wird das Ganze trotzdem "abwechslungsreich" und außerdem der zeithistorische Kontext erläutert: die Angst vor einem großen europäischen Krieg, das Schreckgespenst des Sozialismus. Gut findet der Kritiker die Übersetzung von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein, Kritik übt er am Verlag: Erläuternde Anmerkungen hätten hier gut getan, schließt er.

Beliebte Bücher

Julian Barnes. Abschied(e). Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln, 2026.Julian Barnes: Abschied(e)
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte…
Dorothee Elmiger. Die Holländerinnen - Roman. Carl Hanser Verlag, München, 2025.Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen
Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter…
Elias Hirschl. Schleifen - Roman. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2026.Elias Hirschl: Schleifen
Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In…
Leila Slimani. Trag das Feuer weiter - Roman . Luchterhand Literaturverlag, München, 2026.Leila Slimani: Trag das Feuer weiter
Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…