Werkausgabe in 9 Bänden, herausgegeben von Irene Heidelberger-Leonard. Band 7 herausgegeben von Stephan Steiner. Rund 5000 Zeitungsartikel, stellte Amery im Jahr 1972 fest, als er seine publizistische Arbeit resümierte, eine fast erschreckend umfangreiche Produktion. Die von Amery zum Zeitgeschehen verfassten Kommentare und Analysen sind wegen ihrer gedanklichen Schärfe und stilistischen Brillanz heute noch lesenswert - und die wichtigsten von ihnen hat Stephan Steiner für diesen Band neu gelesen und kommentiert. Sie greifen Fragen der deutschen und internationalen Nachkriegsgeschichte auf: die der Nachwirkungen der NS-Epoche, des Antisemitismus- Problems und der politischen Nachkriegsordnung. Amery hat über Gewalt, über die Anziehungskraft radikaler Bewegungen nachgedacht, über die heimatlose Linke, und früh schon taucht in seinen Analysen die Frage des politischen Terrorismus auf.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 04.04.2006
Als "europäischen Intellektuellen" und "modernen Klassiker" charakterisiert Horst Meier den Schriftsteller Jean Amery, dessen politische Aufsätze nun als siebter Band der Werkausgabe vorliegen. Wie er berichtet, scheinen Amerys Lebensthemen, die Erfahrung der Folter und des Vernichtungslagers, in vielen Texten durch. Besonders interessant findet Meier die Texte, die unter der Überschrift "Terrorismus" beziehungsweise "Gewalt und Gegengewalt" stehen. Er betont die frühe Diskussion der "Grenzen politischer Gewaltphilosophie" bei Amery. Gleichwohl habe sich dieser später den Vorwurf gemacht, nicht präzise und unmissverständlich genug zwischen legitimer und illegitimer Gewalt unterschieden zu haben. In den Briefen Amerys etwa an den ehemaligen SS-Freiwilligen und Schriftsteller Hans Egon Holthusen, oder an Erich Fried, Simon Wiesenthal, Albert Speer und Golo Mann, die sich auch in vorliegendem Band finden, erweist sich der Autor für Meier als "genauer Beobachter und leidenschaftlicher Teilnehmer der politischen Szene". Ausführlich würdigt er abschließend Amerys "Art des Denkens", die seine Texte "so überaus lesenswert" mache: sein "dialogisches Schreiben", seine "unablässige Selbstbefragung", die "Klarheit des Gedankens und die "Rationalität und ideologische Unbestechlichkeit".
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 14.02.2006
Eine "Flaschenpost aus der alten Bundesrepublik" erblickt Willi Winkler in diesem von Stephan Steiner herausgegebenen Band, der "Aufsätze zur Politik und Zeitgeschichte" von Jean Amery versammelt. Dabei wirft er nicht nur einen Blick auf die politischen 60er und 70er Jahre der Bundesrepublik, sondern berichtet auch von Amerys Erfahrung als Jude und Häftling eines Konzentrationslagers. Er zitiert aus einem Passus, in dem Amery eindringlich seine Folterung in Gestapo-Haft schildert, und legt sie insbesondere jenen ans Herz, die heute so "leichtfertig von der gegebenenfalls doch vielleicht ausnahmsweise anzuwendenden Folter reden". Winkler würdigt schließlich die Rolle Amerys als kritischer Intellektueller in zahlreichen bundesrepublikanischen Debatten - etwa der damals erbittert geführten Auseinandersetzung um die RAF oder auch das Fortwirken einstiger Nazi-Größen nach dem Krieg. Diese und andere Auseinandersetzungen werden für Winkler in vorliegendem Band wieder lebendig.
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