Stimmen aus dem vorigen Jahrhundert
Hörbilder

Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2000
ISBN
9783608932300
Gebunden, 160 Seiten, 17,38
EUR
Klappentext
"Uns kommt nur noch die Komödie bei. Unsere Welt hat ebenso zur Groteske geführt wie zur Atombombe." Dieses Wort Friedrich Dürrenmatts könnte über einigen dieser sechs Textarrangements stehen, die Jan Philipp Reemtsma aus dokumentarischem, nur zum Teil veröffentlichten Material verdichtet hat.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 27.07.2000
Jan Philipp Reemtsma hat eine Collage aus verschiedenen Stimmen geschaffen, in denen er sich mit den Ereignissen des letzten Jahrhunderts befasst, erklärt Stephan Krass. "Grundtenor" sei die "Verstrickung" der Generation des Zweiten Weltkrieges "in die Terrorherrschaft des Nazi-Regimes". Dabei hat Reemtsma die Menschen gut ausgewählt, die er hier zu Wort kommen läßt, meint der Rezensent. Sie hätten zwar nur am Rande gestanden und zugesehen, seien aber "prototypisch". So präsentiere Reemtsma u.a. Besucher-Diskussionen um die "Wehrmacht"-Ausstellung, Zitate aus einem Nachkriegs-Knigge und einen Tagebuchschreiber aus dem jüdischen Ghetto. Krass bemängelt jedoch, dass das Medium falsch gewählt ist und die evozierten Hörbilder in Printform nicht funktionieren. Für ihn wirken die Texte spröde: "Das Orchester der `Stimmen` findet nicht zu jenem Klangkörper zusammen, aus dem ein Bild entstehen könnte."
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 04.05.2000
Trotz recht ausführlicher Erläuterungen Sven Hanuscheks fällt es dem Leser nicht ganz leicht, sich vorzustellen, um was genau es sich bei diesen Hörbildern handelt. Zwar spricht der Rezensent von "Features" (bei denen er eine zunehmende "Virtuosität des Arrangeurs" diagnostiziert), deren Gemeinsamkeit in "vorgeführten Ausprägungen des Deutschtums" besteht. Wie diese Arrangements jedoch im Einzelnen aussehen, erschließt sich nur bruchstückhaft. Da gibt es beispielsweise eine briefliche Auseinandersetzung zwischen Adorno und Marcuse, bei der Serenus Zeitblom aus Thomas Manns "Doktor Faustus" offenbar als Moderator auftritt und auch Günter Grass und Hans-Jürgen Krahl mitdiskutieren. Doch wer ist es wirklich, der dort spricht? Reemtsma selbst? Hanuschek weist darauf hin, dass Reemtsma "noch nie ohne Emphase und Enthusiasmus geschrieben" hat. Man darf daraus schließen, dass sich diese Hörbilder seiner Meinung nach ebenfalls durch diese Qualitäten auszeichnen.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 23.03.2000
Paul Michael Lützeler hält Jan Philipp Reemtsma für einen "Meister" im Arrangieren des historischen Materials, das dieser für sechs Rundfunksendungen zusammengetragen habe und mit verteilten Rollen und eigenen Kommentaren versehen vortragen lasse. Lützler stößt sich allerdings am Prinzip der Wiederholung bestimmter Textstellen, ein für den Rundfunk adäquates Stilmittel, in einem Buch aber "störend". Alle sechs Hörbilder knüpfen direkt oder indirekt an die Geschichte des Dritten Reiches an; da geht es um einen "Knigge der Adenauerzeit", eine Olympiahymne von 1936, um deutsche Kernphysiker in England oder die Frankfurter Schule. Eine gelungenes Stück Dokumentarliteratur, meint Lützeler, das für politische Vereinnahmung nicht zu haben ist.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 22.03.2000
Eine ziemlich unverständliche Kritik hat Herrmann Wallmann über dieses Buch geschrieben - handelt es sich bei den "Hörbildern" um Texte, die der linke Millionenerbe und Gründer des Hamburger Instituts für Sozialkunde für das Radio geschrieben hat - Wallmanns Vergleich mit Walter Benjamins "Hörmodellen" für das Radio legt diesen Gedanken zumindest nahe. Reemtsma führe hier seine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus fort. Der Rezensent erzählt, dass es in diesen Texten unter anderem um die Olympiade von 1936, um das Tagebuch eines Juden aus dem Ghetto von Lodz und um den Briefwechsel zwischen Adorno und Marcuse geht - wie genau diese Texte aussehen, lässt sich der Kritik nicht entnehmen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2000
Ist es ein Buch? Ist es Tonband-Kassette, CD oder CD-Rom? Man weiß es nicht so genau in dieser durchgängig begeisterten Besprechung von Volker Breidecker. Der Rezensent schreibt von Klängen und Stimmen, Tönen und Chören, die Reemtsma hier in einer dem Rundfunk abgelauschten Dramaturgie zusammengestellt hat. Das Wort "Hörbilder" im Untertitel führt Breidecker dabei auf zwei Konzepte Benjamins zurück, das der "Hörmodelle" und "Denkbilder". Was wird geboten? Die dumpf-bedeutsame Reportage eines "Lautsprechers" und "Ansagers" samt Weihelied von Börries von Münchhausen zur Olympiade 1936, das Grauen des Ghettos von Lodz 1944 in den vielsprachigen Eintragungen eines Eingeschlossenen, Protokolle von (damals heimlich abgehörten) Gesprächen deutscher Atom-Wissenschaftler in englischer Gefangenschaft, und nach einem "Zwischenspiel" über Wiederanfang und Saubermänner und -frauen der fünfziger Jahre ein "fulminanter" Schlusspunkt: einmontiert in einen Briefdialog zwischen Adorno und Marcuse Auftritte von Grass, Becketts Endspielfiguren und Beethovens Klaviersonate Opus 111. Also doch kein Buch? Oder wie montiert man eine Sonate in ein Buch? Breidecker weiß es, sagt es aber nicht, und warnt am Ende nur vor dem "allzu großen Getöse", das so dröhnen könnte, dass keiner mehr das Buch lesen wolle. Also doch ein Buch?
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buecher.de