Jan Gerber

Das Verschwinden des Holocaust

Zum Wandel der Erinnerung
Cover: Das Verschwinden des Holocaust
Edition Tiamat, Berlin 2025
ISBN 9783893203307
Paperback, 336 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Die Erinnerung an den Holocaust schwindet. Seine Singularität wird zusehends infrage gestellt. Jan Gerber erinnert daran, dass sich die Erkenntnis von der Besonderheit des Verbrechens erst spät durchsetzte. Die Unterschiede zwischen Konzentrations- und Vernichtungslagern, zwischen Buchenwald und Birkenau, Belsen und Belzec, waren lange kaum jemandem bewusst. Auch die Erinnerung begann zeitlich verzögert. Der Holocaust bewegte sich erst seit den Siebzigern aus den Vororten des Gedächtnisses an den Zweiten Weltkrieg in sein Zentrum.
Jan Gerber geht den Ursachen dieser Entwicklung nach. Er fragt nach jenen Bedingungen von Erinnerung und Erkenntnis, die gegenwärtig zu erodieren scheinen. Dazu verbindet er die Gedächtnisgeschichte des Holocaust mit der Politik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. Auf diese Weise werden die aktuellen Debatten über die Bedeutung des Holocaust, sein Verhältnis zu den Kolonialverbrechen und die Politik Israels historisch eingeordnet. Es entsteht eine integrierte Geschichte der Holocaust-Erinnerung.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.12.2025

Rezensent Willi Winkler kann einiges anfangen mit Jan Gerbers Essay zur Erinnerung an den Holocaust. Beziehungsweise zu deren Verdrängung und Verschwinden, fasst Winkler die Thesen des Politikwissenschaftlers zusammen, der argumentiert, dass das Fehlen von Bildern aus Auschwitz dazu geführt hat, dass die Vernichtung der europäischen Juden nie wirklich im öffentlichen Bewusstsein angekommen ist. Winkler verweist auf Holocaust-relativierende Äußerungen unter anderem Martin Heideggers und Günter Anders', viele Autoren, gelegentlich sogar Jean Amery, ließen den Holocaust tendenziell hinter anderen, zeitgenössischen historischen Ereignissen wie dem antikolonialen Kampf in Algerien verschwinden. Zwar gab es ab den 1960er Jahren und vor allem, später, in Folge der Fernsehserie "Holocaust" eine temporäre Trendwende, aber allzu oft erwiesen sich andere Konflikte als wirkmächtiger und verhinderten einen angemessenen Blick auf die Morde an sechs Millionen Juden. Dass die Ölkrise in Folge des Yom-Kippur Krieges eine stärkere Thematisierung des Holocausts zur Folge hatte, glaubt Winkler Gerber nicht so recht. Ansonsten liest der Rezensent diesen eigensinnigen Essay, der auch auf jüngere Entwicklungen, im Zuge derer Lehrstühle zur Holocaust-Forschung weniger und solche zum Postkolonialismus mehr werden, eingeht, mit Gewinn.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 21.11.2025

Rezensent Thomas Schmid empfiehlt das Buch des Politikwissenschaftlers und Historikers Jan Gerber über den blinden Fleck im Hinblick auf den Holocaust. Detailreich und anschaulich und ohne wohlfeile Empörung erzählt der Autor laut Schmid anhand vieler Beispielen und Episoden, wie dem Holocaust immer wieder ausgewichen wurde, ob von Sartre oder in der DDR-Geschichtsschreibung. Dass Gerber dabei dem Denken Dan Diners verpflichtet ist, hält Schmid ausdrücklich für eine Stärke, ebenso den Umstand, dass er zwar eine durch und durch traurige Geschichte erzählt, aber sein Buch nicht hoffnungslos enden lässt. Darstellerisches Geschick beweist Gerber laut Schmid, indem er die zahlreichen Fäden im Buch verknüpft, ohne sie auf einen Nenner zu reduzieren.  

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 08.11.2025

Rezensent und Ex-Welt-Herausgeber Thomas Schmid applaudiert Jan Gerbers Studie, dem es gelinge, kenntnisreich und ohne die "Geste moralischer Ex-post-Empörung" vehement auf die Einzigartigkeit des Holocaust hinzuweisen - entgegen sämtlicher Verdunklungs- und Verdrängungsmechanismen aus allen Richtungen: So kläre Gerber etwa detailliert über den anfänglichen Unglauben auf, mit dem den Schreckensnachrichten von der systematischen Vernichtung sowohl im Inland als auch im Ausland aus einem "humanistischen Verteidigungsreflex" begegnet wurde, über das Untergehen der Thematik einerseits im unbedingten Fortschrittsglauben in den fünfziger und sechziger Jahren, andererseits in der großen Angst vor dem Kalten Krieg; auch um die "Blindheit" von Adorno und Horkheimer geht es, die für ihre Verwerfung der Moderne den Holocaust nicht "brauchten", oder um die Einstampfung der Einzigartigkeit durch Postkolonialisten und "auch linke Vogelschiss-Denker". Wie Gerber so eine Art Linie von diesen Phänomenen bis hin zur heutigen Scheu zu Beschäftigung mit dem Thema zieht, ohne eine falsche Geschlossenheit zu behaupten, findet der Kritiker äußerst gelungen; ebenso wie den Reminder am Ende des Buchs, dass auch das Lehren-Ziehen aus dem Holocaust heuchlerisch sei. Dass das Buch außerdem, wie von anderer Seite kritisiert, eine geschichtsphilosophische Schlagrichtung aufweise, ist für Schmid nicht Mangel, sondern Zusatzqualität.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2025

Rezensent Jörg Später liest Jan Gerbers Essay über die unterschiedlichen Phasen der Erinnerung an den Holocaust mit Gewinn. Was der Politikwissenschaftler und Schüler Dan Diners aufschreibt über "Erkenntnisblockaden" und auch weniger bekannte Protagonisten der Deutung des Holocaust, wie den Juristen Leo Zuckermann, lässt Später erkennen, dass es Erfahrungen gibt, die den Blick auf den Holocaust schärfen. Später bemerkt einige Lücken im Quellenverzeichnis des Buches (Bathan Sznaider, Onur Erdur) und eine gewisse Zurückhaltung des Autors mit eigenen Ideen. Wenn Gerber allerdings meint, die "Dialektik der Aufklärung" habe Auschwitz noch nicht begriffen, möchte Später widersprechen. Mit welchen Begriffen Gerber analytisch vorgeht, gefällt Später hingegen gut.

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