Die Bundeswehr steht unter Beobachtung. Zahlreiche rechtsradikale Vorfälle sorgen seit Jahren für Schlagzeilen: Soldaten fielen mit Hitlergrüßen auf, horteten Waffen und bereiteten sich auf einen Staatsstreich am "Tag X" vor. Alles "Einzelfälle", wie das Verteidigungsministerium bis heute meist behauptet? Der Historiker Jakob Saß zeigt, dass sowohl das Problem als auch die Verharmlosung so alt wie die Parlamentsarmee selbst sind: Seit ihrer Gründung gilt die Bundeswehr als attraktiv für Rechtsradikale. Hierarchie, Waffen, Uniform, Kameradschaft und nicht zuletzt die Verherrlichung der Wehrmacht in der offiziellen Traditionspflege zogen sie an. NPD und rechte Terrorgruppen rekrutierten besonders im Kalten Krieg erfolgreich unter Soldaten, antisemitische Ausschreitungen wurden als makabre Witze abgetan. Zwar stellten solche Skandale immer wieder das Leitbild des verfassungstreuen "Staatsbürgers in Uniform" infrage, zwangen aber auch das Verteidigungsministerium zu Reformen. Dieses Buch untersucht erstmals die weitreichenden, jahrzehntelang gewachsenen Gelegenheitsstrukturen in der Bundeswehr, von denen die radikale Rechte bis heute profitiert.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 02.11.2026
Rezensent Gerrit ter Horst wünscht dem Buch des Zeithistorikers Jakob Saß nicht nur in der Bundeswehr viele Leser. Die Frage, wie die Bundeswehr mit Extremisten in der Truppe umgeht, erscheint ihm heute vielleicht dringlicher denn je. Laut Rezensent verfolgt der Autor die Geschichte des Mythos von der "sauberen Wehrmacht" und lenkt den Blick auf einen Grundkonflikt in der Bundeswehr: Reformer gegen Traditionalisten. Drei Formen des Rechtsextremismus in der Bundeswehr unterscheidend, alt-nationalsozialistisch, rechtsterroristisch und potenziell rassistisch beziehungsweise antisemitisch, erörtert Saß quellensatt und "zeithistorisch wach" Ansprüche und Realität in der Bundeswehr, erklärt ter Horst sichtlich beeindruckt. Die Versäumnisse der Verantwortlichen auch in der Politik zeigt er dabei einleuchtend, so der Rezensent, der auch die Ausgewogenheit der Studie betont, da Saß seinen Gegenstand fair betrachtet, wie er konstatiert.
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