Herausgegeben und kommentiert von Heribert Tommeck. Jacob Michael Reinhold Lenz (1751-92) ist als Schriftsteller des Sturm und Drang bekannt. Über seine letzte Lebensphase in Moskau gab es bislang nur unklare Gerüchte einer manischen Projektemacherei und einer zunehmenden geistigen und körperlichen Krankheit bis hin zu seinem mysteriösen Tod. Die erstmalige Ausgabe sämtlicher Moskauer Schriften und Briefe macht nun diesen unbekannten letzten Lebens- und Werkabschnitt in Moskau (1781-92) zugänglich. Der Textband umfasst über 520 Seiten und versammelt Briefe, Gedichte, dramatische Fragmente, Prosastücke, gesellschaftspolitische Schriften, die den Hauptanteil ausmachen, Schriften zur Kulturentwicklung und Literatur und viele Zeichnungen. Der Kommentar (813 S.) bietet Zugänge zur spezifischen Situation des Schriftstellers und seines Engagements, das von einem Streben nach einer sozialreformerischen und symbolischen Teilhabe an der Modernisierung des russischen Staates, der Gesellschaft und ihrer Individuen geprägt ist. In einer jeweiligen allgemeinen Einleitung und in einem detaillierten Stellenkommentar situiert der Kommentarband die Texte in ihren historischen Kontexten und macht die Kontinuitäten wie auch die Brüche in Lenz' Werk deutlich. Eine Projektliste und ein Glossar der zentralen Motive, Symbole und Paradigmen der Moskauer Schriften und Briefe, die insgesamt eine Art Mythologie der Großstadt Moskau bilden, runden den Kommentarband ab.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 18.06.2007
Die Schriften der letzten Moskauer Jahre des Jakob Michael Reinhold Lenz, die aus dem literarischen Bewusstsein so gut wie verschwunden waren, sind mit diesen beiden Bänden "in die Literatur zurückgekehrt", stellt Lothar Müller feierlich fest. Er zollt der Herausgeberleistung, für die sonst immer ein ganzer Mitarbeiterstab nötig ist und die hier allein von Heribert Tommeck bewältigt wurde, seinen tiefsten Respekt und feiert das Ergebnis der Archiv-Recherchen in Krakau, Riga, Moskau und Berlin als "Ereignis". Nicht nur wichtige Themen aus seiner Straßburger und Weimarer Zeit, wie Fragen der Erziehung und Schulbildung, greift Lenz in seinen Moskauer Schriften wieder auf, es zeichnet sich in diesen Texten auch die Verbindung zwischen den westeuropäischen und russischen Intellektuellenkreisen ab, so der Rezensent begeistert. Nachdem sich Lenz zunächst rigoros von seiner Sturm-und-Drang-Phase abwendet und sich in spätaufklärerischer Emphase für Reformen im Bildungs- und Sozialbereich einsetzt, wird in den späten Texten wieder der Sprachmagier sichtbar, der bereits die Romantiker beeindruckt hatte, so der sichtlich inspirierte Rezensent.
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