Ingolf Blühdorn

Unhaltbarkeit

Auf dem Weg in eine andere Moderne
Cover: Unhaltbarkeit
Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783518128084
Kartoniert, 320 Seiten, 20,00 EUR

Klappentext

Klima, Corona, Ukraine: Die immer schnellere Abfolge von Krisen hat etwas Endzeitliches. Längst ist klar, dass unser nicht-nachhaltiges Modell nicht mehr haltbar ist. Allerdings beteuern viele Klimaaktivisten und Nachhaltigkeitsforscherinnen, dass eine sozial-ökologische Transformation das Schlimmste noch verhindern kann. Dieses Versprechen, argumentiert Ingolfur Blühdorn, verkennt die Realität der Spätmoderne. Das öko-emanzipatorische Transformationsprojekt zerbricht selbst an seiner eigenen Logik und inneren Widersprüchlichkeit. Diese doppelte Unhaltbarkeit, so Blühdorns Diagnose, führt in eine neue Moderne jenseits liberaler Zentralwerte wie Mündigkeit und Partizipation. Diese Entwicklung ist längst im Gange, wird aber bislang nicht als große Katastrophe erfahren.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 28.12.2024

An diesem Buch kommt nicht vorbei, wer ernsthaft über den Zustand unserer Gesellschaft nachdenken will, meint Rezensent Harry Nutt. Denn der Soziologe Ingolfur Blühdorn legt hier eine Gegenwartsdiagnose vor, die, lernen wir, mit den noch einigermaßen hoffnungsvollen Visionen seiner Kollegen wie Andreas Reckwitz oder Armin Nassehi gnadenlos aufräumt. Blühdorn sieht, wenn er auf die Gegenwart blickt, nur noch schwarz und zeichnet nach, wie das ökoemanzipative Projekt der letzten paar Jahrzehnte kippte in eine eben nicht nachhaltige, sondern unhaltbare Gesellschaft, resümiert Nutt. Keineswegs trete Blühdorn für eine "autokratisch-autoritäre Wende" ein, so Nutt. Eher zeige er, wie sich "Befreiung, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung in der Spätmoderne" zuletzt ins "Illiberale, Autoritäre und Exklusive" wendeten. So sei die liberale Demokratie laut Blühdorn an ihr Ende gekommen: Schuld daran sind nicht die neoliberalen Eliten oder andere Bösewichte, vielmehr ist das liberale System an seiner eigenen Dynamik zerbrochen, etwa wenn das Repräsentationsprinzip an immer neuen Partizipationsforderungen zugrunde geht, liest der Rezensent. Blühdorn könnte durchaus Beifall von der falschen Seite bekommen mit seinen Thesen, vermutet Nutt, obwohl der Autor keineswegs selbst illiberal denke. Nutt liest das kenntnisreiche Buch mit Gewinn, auch jene Stellen, die ihn zu leidenschaftlichem Widerspruch anregen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.05.2024

Ein bisschen was ist schon dran an den Thesen, die Ingolfur Blühdorn in seinem Buch aufstellt, findet Rezensent Martin Hartmann. Blühdorn argumentiert, lernen wir, dass die ökoemanzipative Bewegung, deren Ursprünge er in den 1960ern verortet, weniger an äußeren Widersachern als an inneren Widersprüchen scheitert. Ein Charakteristikum der Bewegung besteht darin, so Blühdorn, dass ökologische Probleme mit einer weitergehenden sozialen Befreiungsidee verknüpft werden. Die Probleme, denen sich dieses Modell zu stellen hat, analysiert der Nachhaltigkeitsforscher mit Hegel'schen Begrifflichkeiten, so Hartmann, es läuft darauf hinaus, dass linksliberale Ideale wie Nachhaltigkeit an Zugkraft verlieren, weil sie mit einem Autonomieversprechen verbunden sind, tatsächlich aber als autonomieeinschränkend erlebt werden. Mit Verweis auf den Kampf der Ukrainer um die Demokratie bezweifelt Hartmann Teile der Argumentation, auch in methodischer Hinsicht ist er nicht ganz überzeugt. Dennoch legt das Buch, urteilt der Rezensent, einige blinde Flecken linksliberalen Denkens offen. Als reaktionär kann man Blühdorns Thesen jedenfalls nicht abstempeln, schließt Hartmann, vielmehr ist das Buch als Perspektive auf eine unsichere Zukunft lesenswert.

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