Inge Jens

Unvollständige Erinnerungen

Cover: Unvollständige Erinnerungen
Rowohlt Verlag, Reinek 2009
ISBN 9783498032333
Gebunden, 318 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Ein couragiertes Leben, eine ungewöhn­liche Frau - Inge Jens erzählt ihre eigene Geschichte. Aus dem Inhalt: Kindheit und Jugend. Nach dem Krieg. Aufbruch in die Fremde - und ein Hausgenosse aus Hamburg. Lebensdinge und die Welt der Manns. Neue Horizonte. Alma mater Tubingensis. Widerstand und Widerstehen. Jenseits der Mauer. Berlin und die Wende. Noch einmal Katharina Pringsheim. In guten und in schlechten Tagen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.07.2009

Rezensent Klaus Harpprecht erweist dem Erinnerungsbuch von Inge Jens als "Zeugnis einer großen Lebenstapferkeit und des simplen Anstands" seine Reverenz, die ihn auch als kritischen Leser nicht unberührt ließ. Allerdings liest man zwischen den Zeilen dieser Respektbekundung doch einiges an vorsichtiger Kritik: an Inge Jens' wohl recht unreflektiert- naiver Darstellung ihrer Kindheit und Jugend in der Nazizeit, an der etwas unverhältnismäßigen Gleichsetzung einer Flüchtlingsgeschichte von Anna Seghers vor dem Hintergrund des Naziterrors und der eines amerikanischen Deserteurs vor dem Golfkrieg. Auch hätte Harpprecht sich manchmal etwas intensivere Schilderungen der Beziehungen zu Freunden und Zeitgenossen beispielsweise zu Ernst Bloch gewünscht, wiewohl er andererseits froh ist, dass hier keine eitle Prominentenparade betrieben wird. Die verschiedenen umstrittenen Sohnesaktionen, bis hin zum Demenzbuch werden ihm auch zu dröhnend beschwiegen. Doch wiegen Inge Jens' eigene Beschreibungen der Krankheit von Walter Jens für Harpprecht wohl einiges auf. Im Übrigen verweist er den Kritiker in sich auf den "klugen Titel" dieses Buchs: Unvollständige Erinnerungen eben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.07.2009

Von wegen unvollständig! So unvollständig wie alles erscheinen Harry Nutt die Erinnerungen von Inge Jens. Was Jens an Inhalt und Form zu bieten hat, genügt Nutt hingegen voll und ganz. Aufrichtig und nüchtern, kühl und konzentriert, hanseatisch. So wird die Behandlung auch heikler Fragen, wie die nach der eigenen Schuld in Kriegszeiten, zur mit "entwaffnender Klarheit" vorgetragener Lebensgeschichte. Zwischen Schlichtheit und Komik changiert der Text laut Nutt und liefert bundesrepublikanische Geistesgeschichte nicht als "Bericht einer Dabeigewesenen". Der dem Text Richtung gebende "Fluchtpunkt Walter Jens" entgeht dem Rezensenten natürlich nicht. Und noch angesichts des bitteren Endes einer Lebenspartnerschaft spürt Nutt beim Lesen die tiefe Dankbarkeit der Autorin für ein "bewegtes und bewegendes Leben".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.07.2009

Am Beginn dieser Autobiografie stand ein Erstaunen. Nie, erklärt Inge Jens, wollte sie ihre Memoiren schreiben. Und stellte dann fest, dass es ihr "Spaß machte, mich mit mir selbst zu beschäftigen". Verblüffend findet der Rezensent Hubert Spiegel diese Erklärung, aber daran, dass das Ergebnis, das nun vorliegt, ihn sehr beeindruckt, ändert das nichts. Natürlich ist die Tatsache Thema, dass Inge Jens trotz eigener Leistungen als Editorin und Autorin die meiste Zeit im Schatten ihres Ehemanns Walter Jens stand. Umso interessanter, dass sich das im Verhältnis von Katja und Thomas Mann spiegelt - über die Inge Jens gearbeitet hat; eine Anekdote von ihrer Begegnung mit Thomas Manns Ehefrau ist auch in diesem Band überliefert. Sehr schätzt Spiegel die "oft nüchtern wirkende Leidenschaft" der Autorin und "bewundernswert" findet er, wie sie im letzten Kapitel in "schnörkelloser Prosa" das Leben mit dem nunmehr dementen Ehemann schildert.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.07.2009

Dieses "patent und unverschnörkelt" geschriebene Buch strahlt bis zum Schluss, freut sich Gustav Seibt. Eigentlich braucht er die Verdienste der Autorin gar nicht aufzuzählen, diese Erinnerungen stehen für sich. Und doch begreift Seibt sie als Krönung einer Karriere. Nicht der Frau Walter Jens, sondern der Literaturwissenschaftlerin und "begnadeten Quellenforscherin" Inge Jens, deren Stimme er hier "unverzerrt" hört. In den Bericht von persönlichen Konflikten mischt sich, für Seibt vernehmlich, der "Ton der Bundesrepublik". Klar und "hell wie ein Nachkriegsneubau" zeigt sich ihm eine kulturprotestantische Welt, das geistige Leben der Inge Jens, in dem dramatische Momente die Ausnahme sind, wie Seibt erklärt. Als Zeichen für Wahrhaftigkeit erkennt er, dass der Krieg als "dunkler Grund" dennoch präsent ist. Zwischen Großstadtabenteuern (Akademie der Künste) und "durchaus nostalgischen" Erinnerungen an Wegbegleiter (Ernst Bloch, Hans Mayer), vernimmt der Rezensent Jens' "lebenszugewandten" Protest gegen den Krieg. Wenn Inge Jens schließlich über die Demenz ihre Mannes schreibt, wieder sachlich und gefasst, verneigt sich Seibt.
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