Die neuesten Ergebnisse der Neurowissenschaften zeugen von dem hohen Interesse am Zusammenhang von Hirn und Zeit. Wenn sie statuieren, dass Impulse im Hirn Handlungen bereits vor der bewussten Entscheidung auslösen, hat dies weitreichende Konsequenzen für Philosophie, Recht, Ethik und Soziologie. Diese 'neuen' Ergebnisse beruhen im Wesentlichen auf einem Experiment, dessen Geschichte ins frühe 19. Jahrhundert zurückreicht. Henning Schmidgen erzählt sie in diesem Standardwerk der Wissenschaftsgeschichte erstmals und wirft ein neues Licht auf das Wesen des Experiments im Allgemeinen. Er zeigt die Wirksamkeit des Historischen, auch da, wo es vermeintlich keine Rolle spielt und skizziert die Geschichte einer Moderne, die nie modern gewesen ist.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.09.2014
Die Psychophysiologie beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen unseren körperlichen Reizen und unserem Bewusstsein, erfährt Thomas Thiel in Henning Schmidgens "Hirn und Zeit", in dem dieser die gesamte Geschichte der Disziplin "bis hin zur kleinsten experimentellen Stellschraube" aufrollt, was das Buch für Laien zu einer echten Herausforderung macht, wie der Rezensent warnt. Das vorläufige Ergebnis, das bereits 1850 von Hermann von Helmholtz formuliert wurde: eine Zehntelsekunde Verzögerung liegt zwischen Reiz und Wahrnehmung, verrät Thiel. Die spannendste Frage war für die Psychophysiologie seitdem, wie sich unsere Vorstellung eines freien Willens mit den bisherigen Erkenntnissen vereinen lässt, so der Rezensent.
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