Ein Grundthema dieser Essays, die erneut die Analyse wissenschaftlicher Probleme mit der Erörterung tagespolitischer Fragen verbinden, ist das Spannungsverhältnis zwischen tiefen politischen Umbrüchen und gesellschaftlicher Strukturen von langlebiger Dauer in der europäischen, besonders der deutschen Geschichte. Es steht auch im Mittelpunkt weiterer Essays, die gesellschaftsgeschichtlichen Problemen - so der Frage nach der Zukunft der "Bürgergesellschaft" -, Wendepunkten der deutschen Geschichte und schließlich Fragen der Geschichtswissenschaft gelten.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 29.03.2001
Christoph Jahr ist, seiner Erwartung entsprechend, ganz zufrieden mit dieser Essaysammlung. Aber er hat in seiner Kurzkritik auch Zweifel anzumelden. Zunächst hebt er das "umfassende historische Wissen" des Autors hervor, das er im vorliegenden Buch mit politischem Engagement gemischt sieht. Jahr ist äußerst angetan von der Offenheit, mit der Wehlers seine "wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen" Voraussetzungen darlegt. Was dem Rezensenten allerdings missfällt, ist die "defensive Grundhaltung", mit der Wehler neuere Ansätze in der Sozial- und Gesellschaftsgeschichte pauschal ablehnt und sich dafür geradezu verzweifelt an Autoritäten wie Max Weber klammert. Richtiggehend "irritierend" findet Jahr die "Heftigkeit der Attacken", mit der Wehler auf die neuere Forschung reagiert. "Etwas mehr Gelassenheit" hätte hier gut getan, meint Jahr.
Der britische Historiker Richard J. Evans freut sich jedes Mal, wenn er etwas von Wehler liest. Keiner sei so polemisch wie er und dabei so erfindungsreich. Einer der neuen beleidigenden Begriffe, die er gelernt hat, lautet: "kryptonormativistischer `Rattenfänger` für die postmoderne Denkverwilderung". Aber auch wenn ihm der polemische Wehler Spaß macht, so hat Evans der nachdenkliche, nüchterne Wehler letztlich mehr zu sagen - von beidem sei in dem Aufsatzband, der nur vier bislang unveröffentlichte Beiträge enthält, reichlich vorhanden. Am spannendsten findet der Rezensent Wehlers Auseinandersetzung mit Theodor Schieder, seinem Lehrer. Schieder und die anderen seien für Wehler "mehr als bloße Mitläufer" gewesen, die ihr Fehlverhalten allerdings durch Liberalität und Förderung junger Wissenschaftler und linker Denkansätze teilweise wieder wettgemacht hätten. Für unverzeihlich halte Wehler das Schweigen seines Lehrers in Bezug auf seine nationalsozialistische Verstrickung - etwas naiv, meint Evans, dass er glaube, ein öffentliches Eingeständnis hätte Schieders Karriere nicht geschadet. Etwas bestürzt nimmt Evans außerdem zur Kenntnis, dass Wehler der Geschichtsforschung anderer Länder wenig Aufmerksamkeit widmet: außer Hobsbawm hätte es in der angelsächsischen Geschichtsforschung auch andere bedeutende Namen gegeben, versichert der Rezensent glaubhaft.
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