Entstanden in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts aus der historischen Semantik und als Nebenschauplatz einer programmatisch orientierten Untersuchungs- und Reflexionskultur hat sich die Begriffsgeschichte in den epistemologischen Bedingungen der siebziger und achtziger Jahre beinahe unbemerkt zum dominanten Paradigma der Geisteswissenschaften in Deutschland entwickelt. Unter der Dominanz der Hermeneutik und des neo-historischen Stils liess sich sogar mindestens im Stil einer provozierenden Geste der maximalistische Anspruch vertreten, dass Begriffsgeschichte deckungsgleich sei mit jener historischen Arbeit schlechthin, welche nicht unter den Verdacht philosophischer Naivität fiele.Im ersten Rückblick einer sich wandelnden epistemologischen Szenerie sowie im Bezug auf einige paradigmatische Essays lässt sich heute die doppelte Frage stellen, nach einerseits den vergangenheitserschließenden Leistungen der Begriffsgeschichte sowie andererseits jenen Interessen an der Vergangenheit, denen Begriffsgeschichte prinzipiell nicht genügen kann.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.03.2007
Helmut Mayer liest diesen Rückblick auf die Begriffsgeschichte als eine "Diagnose der intellektuellen Wirklichkeit". Hans Ulrich Gumbrechts Vorgehen beschreibt er als "Kontrastverfahren", das ursprüngliche, auf die Erkenntnis des Überlieferten gerichtete Zielsetzungen der Begriffsgeschichte bei Joachim Ritter oder Reinhart Koselleck mit heutigen geisteswissenschaftlichen Prämissen vergleicht, die eher auf eine "Gegenwart der Simultaneitäten" setzen. Mayer erkennt das Vordringen in tiefere begriffsgeschichtliche Dimensionen, wobei Gumbrecht versucht, das Ende einer begrifflichen Erfassung nichtsemantischer Realität nachzuweisen und mit Anselm Haverkamp die Metaphorologie als Wissenschaft der Stunde auszurufen. Wie weit diese Perspektive trägt, möchte Mayer demnächst am "Wörterbuch der philosophischen Metaphern" selbst herausfinden.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 02.01.2007
Mit diesem Buch blättere Hans-Ulrich Gumbrecht noch einmal das Kapitel Begriffsgeschichte auf, um es "historisch zu erledigen", konstatiert Rezensent Stephan Schlak nach Lektüre des Bands "Dimensionen und Grenzen der Begriffsgeschichte". Neu sind die hierin versammelten Texte nicht, es sind Gumbrechts Studien zu politischen und ästhetischen Grundbegriffen wie "Moderne", "Postmoderne" und "Philosophie" oder "Stil", "Ausdruck" und Maß". Am meisten Interesse weckt deshalb bei Schlak das Vorwort, das er mit dem Attribut "originell" belegt. Denn hier herrsche der "Sound der Sentimentalität": Die Begriffe, einst in Gumbrechts eigenen Worten "Pyramiden des Geistes", konnten ihr Versprechen nicht einlösen. Kurios mutet dem Rezensenten allerdings die Wehmut an, mit der sich Gumbrecht nun in einen Zustand "intellektueller Unschuld" zurücksehne, für dessen Naivität er einst die Herren der Hermeneutik gnadenlos gescholten habe. Auch dass Gumbrecht inzwischen auf "Formzwang und Maßideal" statt auf "allzu viel Sinn und theoretische Grübelei" setze, gibt Stephan Schlak Rätsel auf.
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