Der verwaltete Mensch
Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2026
ISBN
9783103976557
Gebunden, 1440 Seiten, 98,00
EUR
Klappentext
In seinem 1974 erschienenen, monumentalen Standardwerk über die Ausgrenzung, Enteignung, Verfolgung und Ermordung der deutschen Juden untersucht H.G. Adler aus soziologischer Sicht die Rolle der Bürokratie. Auf Basis zahlreicher Dokumente, wie Gesetzestexten und Gestapo-Akten, vollzieht er nach, wie Millionen Menschen scheinbar legitim entrechtet und ermordet wurden, flankiert durch ausgefeilte administrative Maßnahmen. Eindrucksvoll verdeutlicht er, dass Individuen in totalitären Systemen "nicht mehr beherrscht und nicht regiert, sondern nur noch verwaltet" werden.
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2026
Dass dieses Buch überhaupt geschrieben werden konnte, war ein Zufall, hält Rezensent Dietmar Süß, selbst Historiker, in seiner umfassenden Besprechung fest: Eigentlich sollten auch alle Würzburger Dokumente über die bürokratische Seite des Holocaust vernichtet werden, aber dank des Eingreifens der Amerikaner kam es nicht mehr dazu. Das hat es dem Holocaust-Überlebenden H. G. Adler ermöglicht, diese "Pionierleistung" vorzulegen: Anhand der Würzburger Gestapo-Akten zeigt er, dass "Verwaltung und Verbrechen" eng verbunden waren. Extrem detailliert gehe Adler vor und stellt außerdem konkrete Schicksale vor: Vom Schicksal der Jüdin Gusti Fröhlich etwa kann Süß lesen, sie wurde im Zuge des Euthanasie-Programms ermordet, das Finanzamt Kitzingen hat ihre Erbschaft dann dem Reich übertragen. Vierzehn Jahre hat Adler für die Studie gebraucht, erinnert Süß, begonnen hat er die Materialsammlung schon kurz nach seiner Deportation nach Theresienstadt 1942. Das Münchner Institut für Zeitgeschichte, das ihn ursprünglich um eine Arbeit gebeten hatte, wollte sie dann doch nicht veröffentlichen, weiß Süß. Eine "vertane Chance", aber sie machte die spätere, noch viel umfänglichere Version erst möglich. Der Kritiker hält es für unschätzbar wichtig, dass der S. Fischer Verlag und Götz Alys Vorwort das Buch nun wieder zugänglich machen.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 07.10.2026
Immer noch zutiefst beeindruckend ist dieses Buch H. G. Adlers, das ursprünglich 1974 erschienen ist und nun in einer Neuauflage vorliegt, schreibt Rezensent Thomas Schmid. Der Privatgelehrte Adler legt in diesem monumentalen, akribisch recherchierten Buch Überlegungen dazu vor, wie in Deutschland der Holocaust möglich wurde. Fern von jeder Mystifizierung und auch fast durchweg pathosfrei erläutert Adler, wie ganz normale Deutsche den Weg in Richtung Judenvernichtung mitgingen. Teilweise lag das laut Adler an der Strategie der Nazis, zwar einerseits ihr Ansinnen, alle Juden zu töten, offen aussprachen, sich aber andererseits über Details ausschwiegen und den Deutschen so die Möglichkeit verschafften, sich doch wieder von dem Wissen, das sie grundsätzlich hätten haben können, zu distanzieren. Auch zeigt Adler auf, wie in der Durchführung des Holocausts konservative Verwaltungsprinzipien und Hitlerische Enthemmung, zwei Denkformen, die sich erst einmal grundsätzlich zu widersprechen scheinen, eben doch im Sinne des Naziprogramms zusammenpassen. Lesenswert ist dieses Buch unbedingt, so der Rezensent, durchaus auch, weil Schmid keineswegs durchweg flüssig schreibt, vielmehr muss sich seine Sprache "gegen Widerstände voranarbeiten". Insgesamt ist das Buch schlichtweg ein großer Wurf, so der Tenor der Besprechung - und auch Götz Alys Vorwort findet Schmids Zuspruch.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 14.09.2026
Der hier rezensierende Historiker Norbert Frei kann die Neuherausgabe von H. G. Adlers Werk gar nicht genug preisen. Als praktische Warnung für "alle Zukunft" hat das Buch Bestand, findet Frei, der Adler einen konkreten, präzisen und nüchternen Chronisten der nationalsozialistischen Judenverfolgung nennt. Dass es dem Autor nicht um das "unmittelbare Mordgeschehen" geht, sondern um den bürokratischen Weg dahin, stellt Frei fest und staunt über Adlers penible Quellenbehandlung, die ihm vergessenes historiografisches Wissen in Erinnerung ruft. Die lapidare Veranschaulichung "administrativer Peinigung" und finanzieller Ausblutung von Juden geht Frei sichtlich an. Adlers sarkastische Kommentare dazu kann er nur bewundern.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 03.08.2026
Rezensent Konstantin Johannes Sakkas liest die Neuauflage von H.G. Adlers erstmals vor 52 Jahren erschienener Gesamtdarstellung der Deportationen aus dem Deutschen Reich. Der Band ist laut Sakkas auf Gestapo-Akten gestützte quantitative Analyse, Herrschaftssoziologie und Hermeneutik des "NS-Vernichtungsantisemitismus" in einem. Sowohl der Ablauf der Deportationen und das Mitwissen Unbeteiligter als auch die Betroffenheit der Opfer werden im Band ausführlich behandelt, so Sakkas, der das Buch weiterhin auf der Höhe des Forschungsstandes verortet. Dass Intentionalismus und Funktionalismus im Holocaust keinen Gegensatz bilden, wie in der Forschung lange behauptet, beweist Adlers Analyse laut Sakkas mit intellektueller Stärke.