Jewsei Zeitlin

Lange Gespräche in Erwartung eines glücklichen Todes

Cover: Lange Gespräche in Erwartung eines glücklichen Todes
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2000
ISBN 9783871343681
Gebunden, 319 Seiten, 21,47 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen von Vera Stutz-Bischitzky. Litauen im Sommer 1941. Die Sowjets beginnen mit Deportationen nach Sibirien. Dank seiner Bekanntschaft mit dem zuständigen Beamten gelingt es dem Schriftsteller Jakob Josade, seine Familie aus der Liste zu streichen. Die "Rettung" erweist sich als Todesurteil: Josades Eltern und Geschwister werden bald darauf von den Nazis ermordet. Josade ist einer der wenigen überlebenden Juden in der neuen Sowjetrepublik. Er litauisiert seinen Vornamen, beginnt mühevoll litauisch zu schreiben, verbrennt heimlich seine jiddischen Manuskripte und fast seine gesamte Bibliothek. Sein Leben in ständiger Angst und Selbstverleugnung zwingt ihn zu absurden Handlungen. In den Jahren vor seinem Tod 1995 stellt sich Josade der tragischen Wahrheit seiner Biographie, die er Jewsei Zeitlin erzählt hat.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.10.2002

Dieter Hildebrandt ist nicht recht glücklich mit Jewseij Zeitlins "Langen Gesprächen in Erwartung eines glücklichen Todes". Auf Grundlage von langen Gesprächen beschreibt Zeitlin darin das Leben des bekannten litauischen Schriftstellers Jokubas Josade (1911 bis 1995) - ein jüdisches Schicksal unter dem Terror der Sowjetunion. In den Gesprächen mit Zeitlin kommen, so Hildebrandt, die alten Ängste Josades wieder hoch. "Verstörend zu lesen", findet er, "wie klein, intim, zivil sie sein konnten, wie beinah trivial und doch allgegenwärtig." Josades erzählt Hildebrandt zufolge eine Fülle von Episoden von dem latenten und offenen Terror und der daraus resultierenden lähmenden Furcht. Kritisch sieht Hildebrandt dabei Zeitlins Rolle bei den Gesprächen. Dessen "inquisitorische Haltung" und manchmal ans "Parteichinesisch" erinnernden Formulierungen wirken auf Hildebrandt "seltsam bedrückend". Dass Josade seine jüdische Existenz so habe verleugnen können, erscheine Zeitlin als Verrat. Das geht dem Rezensenten dann doch zu weit. Vielleicht wäre es besser gewesen, gibt er zu bedenken, Josade hätte einen anderen Nachrufer gesucht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.04.2000

Karl-Markus Gauss ist von der Geschichte des 1995 in Vilnius verstorbenen Schriftstellers Jokubas Josade außerordentlich beeindruckt. Einmal, weil sie so beklemmend den Untergang des osteuropäischen Judentums beschreibt, aber auch, weil Josade seine "eigene Verstrickung" nicht ausläßt. Gauss illustriert das an einem Beispiel, wonach ein alter Freund von Josade, der Stalin-Preisträger Gudaicis-Guzevicius sich windet, um dem jüdischen Freund keine Widmung in ein Buch schreiben zu müssen, mit der er sich hätte "verdächtig" machen können. Statt dies übelzunehmen, läuft Josade nach Hause und verfasst eilig eine Erzählung, in der eine zionistische Verschwörung gegen eine sowjetische Werf im Gange ist. Wenn der Geheimdienst kommen würde, würde er `das Manuskript lesen und feststellen: Josade ist einer von uns`, zitiert Gauss aus dem Buch. Der Autor Jewsei Zeitlin, der Josade über mehrere Jahre interviewt hat, habe sich diesem mit Zuneigung und Respekt genähert, und ihn "doch zugleich in die Distanz gerückt".

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