Kritisches Denken ist unwillkommen. Vom Dauerfluss der schlechten Nachrichten klinken sich immer mehr Menschen aus, während in allen Tonarten die Aufforderung wiederholt wird: "Optimismus ist Pflicht" - eine unverhohlene Drohung gegen alle, die als Pessimisten gelesen werden. Stimmungsmache hat vor Meinungsbestimmung Vorrang. Doch werden mit der Prädominanz der Gefühle implizite Ansichten geschmuggelt, die es bloßzulegen gilt. Der Optimismus ist nicht nur Gemüt oder Haltung, sondern ein Begriff, der auf die Leibnizsche Theodizee zurückführt und fatalistische Akzeptanz des Bestehenden verlangt. Gegen den Optimismus vorzugehen, heißt nicht sich dem Pessimismus zu ergeben, sondern sich von dieser plumpen Alternative freizumachen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.12.2025
Nicht wenige Denkanregungen entnimmt Rezensent Tobias Schweitzer diesem Essay Guillaume Paolis. Paoli widmet sich in dieser schmalen Schrift dem Optimismus, einer Geisteshaltung, der er skeptisch gegenübersteht. Besonders irritiert Paoli, dass Optimismus sich nicht von selbst einstellt, obwohl ihm ja die Prämisse zugrunde liegt, dass sich die Dinge zum Guten wenden werden - vielmehr werden wir im Normalfall von außen, von anderen dazu aufgefordert, optimistisch zu sein. Der Autor interessiere sich vor allem für Momente in der Geschichte, in denen eine vom einzelnen Menschen unabhängige Bewegung hin zum Guten angenommen wird, wie etwa in der Utopie selbstregulierender Märkte - aber auch Rousseaus Gedanken zum Erdbeben in Lissabon folgen diesem Muster. Nicht alle Beispiele, die der Autor findet, leuchten dem Rezensenten ein, manches wird auch etwas zu knapp ausgeführt; die zentralen Schlussfolgerungen Paolis, der als Alternative zum Optimismus keineswegs Resignation, sondern Hoffnung auf etwas noch nicht Erkennbares empfiehlt, leuchten Schweitzer hingegen ein.
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