Giorgio Agamben

Das Offene

Der Mensch und das Tier
Cover: Das Offene
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003
ISBN 9783518124413
Taschenbuch, 120 Seiten, 7,00 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen von Stefan Monhardt. In diesem dichten, aus Einzelbetrachtungen aufgebauten Essay fährt Giorgio Agamben in seiner Befragung des Lebensbegriffs, wie sie zuletzt in "Homo sacer" und "Was von Auschwitz bleibt" stattgefunden hat, fort: Im Dialog unter anderem mit Georges Bataille, Carl von Linne, Ernst Haeckel, Jakob von Uexküll und vor allem mit Martin Heidegger verortet Agamben die Grenze zwischen Tier und Mensch im Menschen selbst. Erst wenn der Mensch seine Tierheit suspendiert, öffnet sich ihm die Welt. Das Verhältnis des Menschen zur Tierheit und der Menschheit zum Tier wird so zum "entscheidenden politischen Konflikt" in unserem Kulturbereich.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 29.04.2004

Philosophische Diskussionen zum Verhältnis von Mensch und Tier sind derzeit von erstaunlicher Aktualität. Mit diesem Buch bearbeitet der im Augenblick vielleicht meistdiskutierte Philosoph Giorgio Agamben das Thema von Heidegger und Foucault her. Seine zentrale eigene Thesen - neben Neulektüren auch von Autoren wie Jakob von Uexkuell und George Bataille - läuft auf das Argument der "anthropomorphen Animalität" hinaus. Agamben betone dabei, wie sehr jeder Versuch des Menschen, eine klare Grenzlinie zum Tier in sich selbst zu ziehen, mit Notwendigkeit das Tier zum Verschwinden bringt und wie der Mensch im Gegenzug zum Nichtmenschen wird. Auflösbar ist das, so reformuliert es der Rezensent Gerhard Neumann, nur durch die paradoxe Figur des Menschen, "der gezwungen ist, sich, um menschlich zu bleiben, als Nichtmensch zu erkennen".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.10.2003

Giorgio Agambens "Das Offene. Der Mensch und das Tier", das die Frage nach dem Menschen - wer er denn sei, wenn er nicht nur ein Tier ist - aufwirft, hat Rezensent Dieter Thomä nicht wirklich überzeugt. Zwar warte Agamben mit einer Fülle von "überraschenden Beobachtungen" zu Bataille, Jacob von Uexküll, Linne, Tizian und vielen anderen auf. Aber er wolle kein "reiches Bild menschlichen Lebens" zeichnen. Schließlich gründe für Agamben ein positives Bild des Menschen immer auf einer negativen Abgrenzung gegen das Tier im Menschen. Doch anders als der Tierethiker Mark Rowlands, mit dem Agamben die Abneigung gegen die Überheblichkeit des Menschen teile, wende er sich nicht dem Biologischen zu, sondern suche die Nachfolge des humanistischen "Menschen" im "Offenen". Was das konkret bedeutet, bleibt nach Thomä etwas unklar. Agamben verweigere hier eine Auskunft, weil er meine, "dass unsere Sprache noch von den 'anthropologischen Maschinen', die in unser Vokabular das Menschlich-Tierische hineinstanzen, beherrscht wird", wie Thomä schreibt. Hat Agamben damit Recht? Der Rezensent meint, nein. Schließlich sieht er keinen Grund zur Annahme, "dass von unserem Selbstverständnis und unserer Sprache jenseits biologisch-metaphysischer Gegensätze nur die große 'Leere' übrig bleibt". Zudem hält er Agamben vor, dass seine theoretische Phantasie in jener "Maschine", die er als Auslaufmodell deklarieren wolle, allzu sehr verfangen bleibe.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 30.08.2003

Mit "beeindruckender Inständigkeit" stelle sich Giorgio Agamben schon seit Jahren einer alten und großen Diskussion der Menschheit, schreibt Michael Mayer. Was ist der Mensch, ist die Frage, die Agamben auch in seinem neuen Buch verhandle. Mit der bewussten Veränderung seiner Gene, mit der Biopolitik laufe der Mensch Gefahr, sein ganzes Wesen unter das Diktat der Zweckdienlichkeit zu stellen. Mayer bemerkt zufrieden, dass dieses philosophische Anliegen in "feinsinnige Miniaturen" über so verschiedene Denker von Georges Bataille bis Carl von Linne verpackt sei, und auch wenn er die Exegese Heideggers etwas "waghalsig" findet, kann er ansonsten der Argumentation des Autors widerspruchslos folgen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.08.2003

Christian Geyer zufolge ist "das große Thema" Giorgio Agambens "die Möglichkeit von Erfahrung". Und nachdem er diese Möglichkeiten für den modernen Menschen, vor allem in "homo sacer", im Spiegel von Benjamins Begriff des "bloßen Lebens" auf "originelle Weise" reflektiert habe, nehme Agamben dieses Motiv nun, meint Geyer, in dem besprochenen Band wieder auf. Eine "eigenwillige, materialgesättigte kleine Arbeit", aber auch eine "funkelnde Schrift" nennt Geyer dieses Buch, das, wie man vom Rezensenten erfährt, zwanzig "Miniaturen" versammelt, die "streng aufeinander bezogen eine höchst raffinierte Befragung des Lebensbegriffs ergeben." Denn die dabei leitende Frage nach der Grenze zwischen Mensch und Tier gerate hier selbst "zu einem 'Experiment de hominis natura'". Dazu habe sich Agamben "ins Gespräch begeben" mit "Lebensphilosophen" wie Bataille, Carl von Linne, Ernst Haeckel, Thomas von Aquin, Jakob von Uexküll und Heidegger. Die "Pointe", wie Geyer weiter berichtet, die Agamben bei all dem stark mache liege darin, dass das Tier in seiner Benommenheit wie der Mensch in seiner Langeweile eine identische Erkenntnisstruktur aufweisen würden: Diese Zustände würden beide Lebewesen auf die reine Möglichkeit zurückwerfen, offenbarten ihnen also letztlich Heideggers "ursprüngliche Ermöglichung". Wenn der Mensch hier aber durch und durch animalisch sei, müssten wir lernen, ihn nicht an den Nahtstellen der Vereinigung zu suchen, referiert Geyer Agamben weiter und zitiert aus dem besprochenen Band: Wir müssten lernen "nicht das metaphysische Geheimnis der Vereinigung, sondern das praktische und politische der Trennung zu erforschen."
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.08.2003

Die Frage nach dem Wesen des Menschen ist nicht gerade eine neue Frage, schreibt der Rezensent Uwe Justus Wenzel, doch er hat bei Giorgio Agamben entdeckt, dass schon in Linnés biologischer Definition des Menschen, der Mensch gerade eben als fortwährende Frage nach dem Menschen angelegt ist. In der Tat stellt der Mensch in der Linnéschen Ordnung eine "klassifikatorische Anomalie" dar, denn anders als alle anderen Lebewesen gebe die Doppelbezeichnung des Menschen als "homo sapiens" keinen Aufschluss über dessen "artspezifische Differenz" innerhalb der "Gattung", sondern stelle die Forderung nach Selbsterkenntnis, im Sinne des Delphischen Orakels. Für Agamben werde diese Definition zu einer Art "anthropologischen Maschine", die den Menschen immer wieder aufs Neue hervorbringe, und gleichsam wie ein "Zweitakter" zwischen Mensch und Tier funktioniere, indem sie einerseits ausschließe, andererseits einschließe. Da es nicht mehr um "Essenz" oder "Substanz" gehe, werde die Entscheidung zwischen Mensch und Tier zu einer "historisch wandelbaren Grenzziehung", die Agamben nicht in der Metaphysik vollzogen sehe, sondern in der Politik. Und so präsentiere Agamben letztlich eine Geschichte der Biopolitik, die dem Rezensenten zwar einerseits sperrig und reduzierend erscheint, andererseits jedoch offen, gerade im Hinblick auf die immerwährende Neudefinition des Menschen.
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