Auf einem Floß in einer Bucht des Sees steht eine Holzkonstruktion, der Nachbau eines Vogelfangturms, wie er noch heute in der italienischen Schweiz anzutreffen ist. Die Erzählerin zieht als Kustodin in den klösterlich eingerichteten Turm. Für sie bietet er neben dem Weitwinkelblick auf die Stadt einen Beobachtungsposten, von dem sie zurück auf das sieht, was sie hinter sich gelassen hat. Täglich wird ihr eine Portion Polenta vor die Tür gestellt. Und sie bleibt nicht ganz allein im Turm. Der Zutritt für Besucher wird zwar durch strenge Gesetze geregelt, doch die Kustodin sabotiert sie und lässt immer dieselbe Person im Turm nächtigen: eine Frau rätselhafter Herkunft. Die Migration der Vögel, ihre Gefangenschaft und Vernichtung werden überblendet vom Schicksal dieser Frau. Nach 30 Turmtagen und -nächten muss die Erzählerin in der Frühe, zur Stunde der Matutin, die Stadt verlassen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.04.2009
Konziliant ist sie, unsere Rezensentin. Gertrud Leuteneggers Geschichte um die spirituelle Reifung einer Kunst-Kustodin in einem schwimmenden Vogelfängerturm auf dem Luganer See erscheint uns beim Lesen der Besprechung auch ein bisschen öd. Sabine Doering jedoch tut ihr Bestes, um das Verhaltene, ja Surreale von Leuteneggers Szenario hervorzuheben und die von der Autorin ausgelegten Zeichen zu dechiffrieren. Vor lauter Passion der christlichen Sorte, die die Protagonistin beim Abstieg in die eigene Vergangenheit heimsucht, das gibt Doering schließlich offen zu, singen die Vögel im Turm "etwas eintönig" und verschwommen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 08.11.2008
In beträchtliches Wohlwollen verpackt die Rezensentin Kristina Maidt-Zinke ihre Kritik an diesem sehr eigenwilligen Roman der für ihre Begriffe "großen Erzählbegabung" Gertrud Leutenegger. Die Grundidee des Buches, das seine Heldin zur Wärterin eines nach Lugano verschlagenen Vogelfangturms macht und sie als solche ein Buch lang agieren lässt, findet Maidt-Zinke in ihrer Seltsamkeit ganz offensichtlich gerade ihrer Verschrobenenheit wegen einnehmend. Und sie folgt auch gerne den Beschreibungen dieses Vogelturmwärterinnenlebens. Sehr schön findet sie vor allem die Landschaftsbeschreibungen, zu denen es im Verlauf der nicht sehr spektakulären Handlung auch kommt. Als Problem betrachtet sie allerdings eine aus Südamerika zur Protagonistin gelangende Frau namens Victoria. Die verschiebt die sonst immer etwas merkwürdige Weltwahrnehmung zu sehr ins "Sozial-Banale". Und auf den Kern ihres wohlwollenden Unbehagens kommt die Rezensentin ganz zum Schluss: Dem "gnadenlosen mittelschweizerischen Ernst" Leuteneggers hätte, findet sie, ein wenig "Schlitzohrigkeit" als Gegengewicht gut getan.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 16.09.2008
In der spirituellen Thematik und den eindringlichen Metaphern von Gertrud Leuteneggers neuem Roman hat Beatrice von Matt sehr viel Schwermut gespürt. Diese trete vor allem durch den "trotz seiner Strenge luftig" anmutenden Erzählstil nah an den Leser heran. Der Roman sei eine für Leutenegger typische Geschichte um Verwandlung und Neuanfang. Im Mittelpunkt, so Matt, steht der Aufenthalt einer Kustodin in einem mystischen Holzturm, eine Replik einer alten Vogelfangstation und "das räumliche Zentrum des Romans". Das Buch zeichne die Bewältigung schmerzhafter Erinnerungen nach. Am Ende folge eine geistige Befreiung, die aber nur durch das Durchleben von Leid und vor allem Abschied möglich wird. Matt deutet Leuteneggers persönliche Botschaft über den Menschen so: "Er muss verlieren, was er hat, um es in der Erinnerung neu zu gewinnen".
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