Fleur Jaeggy

Die seligen Jahre der Züchtigung

Novelle
Cover: Die seligen Jahre der Züchtigung
Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783518474273
Kartoniert, 110 Seiten, 12,00 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen von Barbara Schaden. Ein Mädcheninternat im Appenzell der sechziger Jahre. Gehorsam und Disziplin prägen die Ordnung des Hauses. Die heitere Landschaft vor den Fenstern treibt die vierzehnjährige Ich-Erzählerin zu stundenlangen einsamen Spaziergängen. Eines Tages erscheint eine Neue während des Mittagessens: Frédérique, schön, streng, verächtlich und voller Überdruss. Frédérique ist anders, etwas Leises und Schreckliches umgibt sie. Ihr sind Beherrschung, Gehorsam und Perfektion bereits zur zweiten Natur geworden. Die Erzählerin ist gebannt von ihrer Erscheinung, sie will sie erobern, sucht ihre Freundschaft. Empfänglich für den morbiden Reiz der Disziplin verfällt sie Frédérique mehr und mehr. Und erst ein ganzes Leben später kann die Erzählerin ihre abgründige Liebe in Worte fassen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.08.2024

Rezensentin Annabele Hirsch wirkt sehr fasziniert von Fleur Jaeggys literarischem Werk, das der Suhrkamp Verlag aktuell Stück für Stück neu auflegt, endlich auf Deutsch, jubelt Hirsch. Aber auch im italienischen Original, in dieser "so unkühlen Sprache", entfaltet sich die Hauptqualität von Jaeggys Schreiben, die Hirsch staunend beschreibt: als eine sich ausbreitende "Kälte", die den Lesenden einerseits die Leblosigkeit der Figuren betrauern lässt, die aber andererseits Bewunderung für eine kalte Perfektion auslöst und zum Weiterlesen animiert. So treten in Jaeggys Erzählungen und Romanen - erschienen sind bisher der Roman "Die seligen Jahre der Züchtigung" und die beiden Erzählbände "Ich bin der Bruder von XX" und "Die Angst vor dem Himmel" - meistens Figuren auf, die sich ins große Nichts des Todes wünschen, jeden "Keim" des Lebens in sich erstickt haben oder sich nicht aus einer emotionalen Starre befreien können, gibt Hirsch wieder. Besonders gelungen, wenn auch verstörend, findet sie die Geschichte "Der Vogelkäfig", in dem ein Mann seine Frau zur Selbsterniedrigung vor dem Kostüm seiner verstorbenen Mutter zwingt. Wie Jaeggy "bis zur Perfektion" an diesem zwiespältigen Ideal von "Askese und Disziplin" schriftstellerisch arbeite, ist für die Kritikerin enorm eindrücklich. Sie findet hier weniger den von Reich-Ranicki behaupteten "Charme" als ein unerbittlich unterdrücktes Feuer unter einer Eisschicht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.07.2024

Fleur Jaeggys "lakonische Erzählweise" zieht Rezensent Pascal Moser vollständig in ihren Bann. Und endlich bringe die neue Übersetzung die Gottfried-Keller-Preisträgerin der deutschsprachigen Leserschaft näher. In ihren Geschichten versuchen ihre Figuren der Heimatlosigkeit, der eigenen Vergänglichkeit oder dem "Bösen" zu entfliehen, was nicht selten im Tod für eine der Figuren endet, bemerkt der Krtitiker. In einer Geschichte geht es um das Eingesperrtsein im Internat, in einer anderen um eine Frau, die ihr Kind nicht an eine liebevolle Familie geben möchte, erfahren wir. Die Geschichten der Schweizer Schriftstellerin sind als Rückblick auf Ereignisse verfasst und sie nimmt sich genauso viel Zeit, um diese Momente bis ins kleinste Detail zu erfassen und eben doch nicht den Sinn des Lebens zu finden, schließt der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.07.2024

"Kompromisslos" nennt Rezensent Rainer Moritz das Schreiben Fleur Jaeggys, und hofft, dass mit den drei Ausgaben im Suhrkamp-Verlag nun auch in Deutschland endlich eine verdiente Rezeption der Schweizer Autorin einsetzt. Ihre Texte sind allesamt kurz, komprimiert, auf das wesentliche reduziert, so der bewundernde Kritiker. Sie öffnen ihm den Raum, sich als Leser selbst ein Bild zu machen. Eine Erzählung spielt im Internat und schwankt für Moritz zwischen "existenzieller Tiefenschürfung" und zartem Witz, ein anderer kurzer Text widmet sich Ingeborg Bachmanns Tod - nichts für schwache Nerven, aber äußerst lesenswert, resümiert er.

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