Nicolas Berg

Der Holocaust und die westdeutschen Historiker

Erforschung und Erinnerung
Cover: Der Holocaust und die westdeutschen Historiker
Wallstein Verlag, Göttingen 2003
ISBN 9783892446101
Gebunden, 768 Seiten, 46,00 EUR

Klappentext

Geschichte und Gedächtnis, so Charles Peguy Anfang des Jahrhunderts, stehen im "rechten Winkel" zueinander: jene verlaufe parallel zum Ereignis, dieses gehe senkrecht durch es hindurch. Nicolas Berg zeigt, wie das Verhältnis der deutschen Nachkriegshistoriographie zur NS-Judenvernichtung nur mit dem Blick auf beides zugleich historisiert werden kann. Er ergänzt den historiografiegeschichtlichen Ansatz durch die Gedächtnisgeschichte und fragt nicht nur nach dem Wissensstand im Verlauf der Jahrzehnte, sondern auch nach seiner jeweiligen Historizität und seiner Veränderung. Fokus der Analyse ist der sich wandelnde Begriff von "Auschwitz" in der westdeutschen Geschichtswissenschaft vom Ende des Zweiten Weltkrieges an bis zur gegenwärtigen Diskussion.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 07.02.2004

Seit dem "Erdbeben des Frankfurter Historikertages von 1998", so der Rezensent Peter Schöttler, beschäftigt sich die deutsche Geschichtswissenschaft mit sich selbst, blickt auf Verstrickungen der eigenen Zunft in der Nazizeit und Kontinuitäten in der Nachkriegszeit und schreibt eine Geschichte der Geschichtsbilder. Das vorliegende umfangreiche Werk gehört zu den prominentesten Beispielen, und Schöttler gewinnt aus ihm offensichtlich eine Menge Einsichten, etwa dass zunächst die Mitläufer und selbst Aktiven das Bild der Nazizeit bestimmten, während Opfer ausgeschlossen wurden und die Forschung über den Holocaust vorerst nur außerhalb der Universitäten betrieben werden konnte. Als Beispiel nennt Schöttler den Autor und Auschwitzüberlebenden Joseph Wulf, der die Nazis in seinen Büchern namhaft machte und dafür vor Gericht belangt wurde. Allerdings möchte Schöttler einer Schussfolgerung Bergs nicht folgen: Berg behandelt den sogenannten "Funktionalismus" in der Geschichtswissenschaft, der die Untaten des Regimes in einem "Diskurs der Objektivität" den "Strukturen" zuschreiben möchte, als apologetisch. Dies sei eine verzerrte, selbst funktionalistische These, so Schöttler, der den Funktionalismus aus linker Perspektive verteidigen möchte.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.11.2003

Micha Brumlik nimmt Nicolas Bergs Buch zum Anlass, die frühe Arbeit und Ausrichtung des Münchner Instituts für Zeitgeschichte Revue passieren zu lassen. Dieses prägte die Schule der "funktionalistischen" Perspektive auf den Holocaust und die deutsche Geschichte und erwarb sich Brumlik zufolge das Verdienst, "den Blick vom einsamen Diktator auf jene Gesellschaft, die ihm entgegenarbeitete, zu werfen". Sein Einwand gegen die Arbeit des Instituts, dem "bedeutende Mitglieder der von Fragen nach sozialstrukturellen Bedingungen inspirierten Zeitgeschichtsforschung von Hans Mommsen bis Norbert Frei entstammen", liegt in dessen "Kälte" gegenüber der Perspektive der Opfer begründet: Wissenschaftlichkeit nach Art der Münchner Historiker, schreibt Brumlik, schloss offensichtlich ein "methodisches Ernstnehmen des Leidens" aus, was sich in ihrer distanzierten, zuweilen brüskierenden Haltung gegenüber Personen und Forschungsergebnissen der zeitgenössischen jüdischen Geschichtswissenschaft niederschlug. Kann man sich aber, fragt Brumlik zweifelnd und weiß dabei Nicolas Berg hinter sich, dem Nationalsozialismus wirklich wertfrei nähern? Der Mangel an Empathie unterstreiche die Gültigkeit von Bergs These, "dass es nämlich - und dies ist ein soziales Faktum - mindestens zwei Erinnerungen an den Holocaust gibt, die der Opfer und die des "Täterkollektivs", das keineswegs mit den einzelnen Tätern identisch ist".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.09.2003

Ein Problem der mittlerweile einsetzenden Historisierung der alten Bundesrepublik sieht Rezensent Christian Geulen in der Schwierigkeit, von den Positionen, die untersucht werden, loszukommen. Eine Schwierigkeit, die seines Erachtens auch in Nicolas Bergs systematischer Rekonstruktion der westdeutschen Holocaustforschung wiederkehrt. Wie Geulen ausführt, bespricht Berg alle wichtigen Positionen der vergangenen fünf bis sechs Jahrzehnte, von den frühen Darstellungen des "Dritten Reichs" von Friedrich Meinecke oder Gerhard Ritter über die des Münchner Instituts für Zeitgeschichte bis hin zu den Möglichkeiten, den Nationalsozialismus strukturalistisch zu deuten. Damit liegt nach Auskunft Geulens die "erste Gesamtdarstellung" dieses Themas überhaupt vor, die zudem so "umfassend und sorgfältig recherchiert" sei, "dass sie sicher für eine ganze Weile ein Standardwerk in diesem Bereich sein wird". Kritisch sieht Geulen allerdings, dass bei Berg nur Ansätze legitim erscheinen, die sich nicht nur der Erforschung, sondern vor allem der Erinnerung des Holocausts widmen, während jede bewusste oder unbewusste Abweichung von dieser Betroffenheit in Bergs Sichtweise auf den falschen Weg führe. Dabei vernachlässige Berg die Geschichte des Holocausts, seine Vorgeschichte ebenso wie seine Nachgeschichte. Geulen hält ihm überdies vor in den bewertenden Passagen seines Buches, "Erinnerung und Erforschung als Alternativen gegeneinander auszuspielen". Als eine "Art voluminöse Sammelbesprechung der westdeutschen Holocaustliteratur seit 1945" findet er Bergs Buch dennoch sehr verdienstvoll.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.07.2003

Die Beschäftigung mit dem Dritten Reich ist "kein Ruhmesblatt der deutschen Zeitgeschichtsschreibung", meint Volker Ullrich. Insofern lobt er die Untersuchung als wichtige Arbeit, da sie aufdeckt, wie schwer sich viele Historiker immer noch im Umgang mit den Ursachen der NS-Herrschaft tun. Berg zeige, wie nach Kriegsende vor allem die eigene Opferrolle betont wurde. Besonders das Münchner Institut für Zeitgeschichte und sein langjähriger Direktor Martin Broszat werden von ihm kritisiert. Hier prophezeit der Rezensent, dass Bergs Buch noch heftigen Streit auslösen wird. Manche seiner Urteile seien indes zu hart, da sich die Historiografie zum Holocaust nicht "als reine Defizitgeschichte schreiben" ließe. So griffe sein Vorwurf an die 68er nicht, dass sie durch ihren "inflationäre Faschismus-Begriff" eine zweite Verdrängung bewirkt hätten. Ein weiteres "großes Verdienst" des Buches ist jedoch die Erinnerung an den jüdischen Publizisten Josef Wulf, der bisher nicht genug gewürdigt wird, wie Ullrich findet.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.05.2003

Der Historiker Norbert Frei widmet sich in seiner breit angelegten Rezension eingehend der Studie über die Deutung der NS-Zeit durch westdeutsche Historiker. Detailliert resümiert er die vom Autor untersuchten Positionen westdeutscher Geschichtsschreibung, von den ersten Nachkriegspublikationen bis zu den Veröffentlichungen des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ). Dabei erkennt der Rezensent die "beeindruckende" Zahl der untersuchten Historikerpositionen an und insbesondere in der Untersuchung des IfZ sieht Frei die "wichtigsten Aspekte" der Position in den Anfängen des Instituts beleuchtet. Was der Rezensent, der das Hauptgewicht dieser Studie in der Umgangsweise der Historiker mit dem Holocaust sieht, allerdings "unangemessen, wenn nicht ehrenrührig" findet, ist Bergs Kritik an den frühen "Gesamtdarstellungen des Nationalsozialismus. Hier von "Mitläufer-Erzählungen" zu sprechen, findet er vollkommen unpassend. In diesem Urteil, so der Rezensent unzufrieden, zeige sich eine "Schwäche", die in dem Buch "strukturell angelegt" sei, indem sich der Autor nämlich auf Einzelfälle und "Episoden" konzentriere, in denen die Historiker selbst "hinter ihren Ansprüchen zurückgeblieben" seien.
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