"Handorakel" nannte der spanische Jesuit Balthasar Gracián 300 Regeln der Weltklugheit, die er 1647 zusammenstellte. Helmut Lethen zeigte in seinen Verhaltenslehren der Kälte (1994), dass das spanische Brevier durch alle politischen, philosophischen und künstlerischen Fraktionen der Weimarer Republik kursierte. In seinem Essay "Suche nach dem Handorakel" berichtet er jetzt davon, wohin der Wunsch nach einem radikalen Handbrevier, das Orientierung bietet und politische Handlungsräume öffnet, einen Angehörigen der 68er Generation treiben konnte. Die Erinnerungen, die sich auf den Zeitraum von 1964 bis 1980 konzentrieren, stehen dabei unter der paradoxen Parole: "Die historische Konstellation hat mehr aus uns herausgeholt, als drin war."
Weggefährte Jochen Schimmang schreibt schön männerbündisch über Helmut Lethen und seine Erinnerungen an Lebensbücher, Freunde und die Komintern. Auf eine Gattungsbezeichnung will sich Schimmang bei Lethens Buch allerdings gar nicht festlegen. Vielleicht gehe es darin ja wirklich nur darum, wie es war, als junger Intellektueller die richtige Inspiration zu finden, Lektüre, Mitscherlich, Benjamin, Gracian, oder Film oder die Hitparade. Darüber geht es locker erzählend dahin und auch über kleine Lebenskatastrophen, Angst vor der Arbeiterklasse etc., souverän, auch amüsant, wie Schimmang versichert.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 22.10.2012
Die sanfte Resignation des Autors ist dem Rezensenten lieber als eiferndes Renegatentum. Dazu denkt er sich den mit den Roten Zellen der Germanistik vertrauten Helmut Lethen nämlich durchaus auch fähig. Jedenfalls ist das der Eindruck, den Jens Hacke aus der Lektüre von Lethens autobiografischer Reflexion mitnimmt. Ironiefähig ist er ja zum Glück, meint Hacke, der sich hin und wieder ein "Donnerwetter" beim Lesen trotzdem nicht verkneifen kann, etwa wenn der Autor die Weltrevolution daran gescheitert sieht, dass man seinerzeit einfach die falschen Bücher las. Was Lethen assoziativ über Kindheit, Jugend und bewegte Studentenzeit aufschreibt, gibt für Hacke politisch wie konturscharf autobiografisch zwar eher wenig her, dafür schreibt der Autor geschmeidig und, wie gesagt, augenzwinkernd genug.
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