Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek. In einer heroischen Anstrengung strebte und strebt das Abendland nach Objektivität. Der Philosophie fiel es zu, deren Möglichkeit zu denken, die Wissenschaft hat mit ihr als dem idealen Ziel ihre unbestreitbaren Erfolge errungen, und die klassische Malerei hat sich leidenschaftlich um ihre Darstellung bemüht, bis hin zur Illusion des Wahren. Aber hat diese rationale Konstruktion des Objekts nicht andere Möglichkeiten von Kohärenz verdeckt, die bei uns erst später wieder hervorbrachen, in der modernen Malerei und Dichtung? Diesen anderen Kohärenzformen haben sich, völlig unaufgeregt und entspannt, jene altchinesischen Traktate über die Malkunst gewidmet, die Francois Jullien hier vor uns ausbreitet: In ihnen geht es um ein Bild, das wir nicht in die Enge einer Form einschließen können, sondern das sich im Wechsel zwischen dem Leeren und dem Vollen ständig wandelt, gleichsam um ein atmendes Bild, das die Spannung, die allem Leben zugrunde liegt, in die Gegensätze der Landschaft einschreibt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2006
Francois Julliens Studie über das philosophische Konzept der chinesischen Malerei hat Christine Tauber überaus fasziniert. Sie attestiert dem Autor, anhand von chinesischen Texten zur Malerei vom vierten bis zum achtzehnten Jahrhundert die grundlegenden Unterschiede ästhetischer Vorstellungen und Künstlerkonzepte Chinas zum abendländischen Kunstverständnis herauszuarbeiten. Ein Merkmal sieht sie etwa in der Offenheit der chinesischen Malerei, die verschiedene Formgebungen ermöglicht und nicht auf eine definitive Bildlösung zielt. Das Ideal des chinesischen Malers sei nicht die Vollendung, sondern die Darstellung von Modifikationen und Transformationen, Prozesshaftigkeit und Transitorik, die ihre philosophische Grundlage in einem vorontologischen Denken metaphysisch-abendländischer Prägung hat. Tauber räumt ein, Julliens enge Interpretation chinesischen Denkens mangels hinreichender Kenntnisse des asiatischen Kulturraums nicht beurteilen zu können. Nichtsdestoweniger schätzt sie den Text, weil er dem europäischen Leser einen "ethnografischen Blick auf die mögliche Fremdheit seiner eigenen Denktraditionen" eröffne.
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